Angela Merkel wirkt wie eine Trainerin, die am Spielfeldrand auf und ab marschiert, während sich die Mannschaft vor ihr um Leidenschaft bemüht. Sie winkt, sie lächelt, das alles wie immer bescheiden.

Merkel schreitet auf diesem überdimensionalen CDU-Podium von rechts nach links und wieder zurück. All die Vorstandsgranden im Hintergrund sehen aus wie nicht benötigte Auswechselspieler. Sieben Minuten und 45 Sekunden ebbt der Applaus der Delegierten in der Messehalle zu Hannover nicht ab. So ausgiebig ist der CDU-Chefin nach einer Parteitagsrede noch nie gehuldigt worden.

Gut drei Stunden später erhält Merkel bei ihrer Wiederwahl 97,94 Prozent der Stimmen, kein einziges Nein. Es ist das beste Ergebnis, das Merkel seit ihrem Amtsantritt im Jahr 2000 je erzielt hat. Einen Hauch von Rührung sieht man in ihrem Gesicht. "Wer mich kennt, weiß, ich bin echt platt und bewegt", ruft die christdemokratische Cheftrainerin unter dem Jubel der Delegierten.

Statt Polemik Rituale

Dabei hat Merkel nichts gewagt, nichts riskiert, sie hat nur eines gemacht: bei ihrer Rede die Routine-Kanzlerin, die Routine-Vorsitzende gegeben. Polemik gegen den politischen Gegner? Nur etwas Spott darüber, dass die SPD nach zehn Jahren immer noch nicht ihren Frieden mit der Agenda 2010 gemacht hat. Selbst dem einen oder anderen Unionisten fällt hinterher auf, "dass das Beifallritual nicht zur Rede passt".

Beim Gastgeber ist das anders. Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister bringt vor Merkel die Messehalle in Schwung. Der Niedersachse kämpft um den Wahlsieg im Januar bei den Landtagswahlen; er kämpft damit auch für Angela Merkel. Ein Machtverlust in Hannover, der laut Demoskopen durchaus möglich ist, würde ihr den Auftakt des Bundestagswahljahres ordentlich vermasseln. "Wahlkampf macht Spaß, man muss nur gewinnen", zitiert McAllister zum Schluss seines Auftritts grinsend Konrad Adenauer.

Die Halle bebt. Den einzigen Witz, den Merkel reißt und der die Delegierten endlich einmal in Stimmung versetzt, hat sie aus einer TV-Satiresendung geklaut. Er geht ausgerechnet auf Kosten des liberalen Koalitionspartners: "Gott hat die FDP vielleicht nur geschaffen, um uns zu prüfen." Ihre Retourkutsche zu Philipp Röslers Frosch-Vergleich. Da ist das Gelächter groß.

Anschließend verhaspelt sich die Kanzlerin noch bei den Worten "landauf, landab". Wieder wird gelacht und freundlich geklatscht.

Dass Merkel so ist, wie sie ist, kann man ihr nicht vorwerfen. Das rhetorische Feuerwerk liegt ihr nicht. Im Bundesvorstand am Tag zuvor hat sie zudem klar gemacht: "Ich kann das Gerede von der Krönungsmesse nicht mehr hören. Dies ist ein Arbeitsparteitag."

Entsprechend agiert sie oben auf dem Podium. Wohl wissend, dass die Union unter ihrer seit zwölf Jahren andauernden Führung auch genügsam geworden ist. Merkel bedient sich vieler Versatzstücke aus alten Ansprachen, und keiner nimmt es ihr wirklich übel.

"Ich will, dass der Euro stärker aus der Krise hervorgeht, als er vor der Krise war", ist so eine Passage. Auffallend ist zudem, wie ausgiebig sie die Werte und Prinzipien der Union beschwört. Das hat etwas Sinnstiftendes, auch in eigener Sache. Denn Merkel wird häufig genug vorgeworfen, es sei nicht klar, wofür sie stehe - und wofür die CDU unter ihrem Vorsitz.

Deswegen rührt sie im Traditionstopf. Deshalb spricht sie von Freiheit, Verantwortung, von Familie, von "Lebensmodellen sowohl als auch". Es wird ein Ausflug quer durch den christdemokratischen Garten. Das nennt sich Parteiseele streicheln.

Sticheleien gegen die FDP

Man sei nicht nur zusammengekommen, um sich auf die Schulter zu klopfen, ruft die Vorsitzende. "Aber unsere Erfolgsbilanz sucht ihresgleichen." Die schwarz-gelbe Bundesregierung sei die erfolgreichste seit der Wiedervereinigung.

Die Ostdeutsche macht deutlich, dass sie Schwarz-Gelb nach der Bundestagswahl fortführen will. Ein solches Bekenntnis hat die FDP-Spitze von ihr verlangt. Normalerweise reagiert die Kanzlerin dann demonstrativ bockig. Diesmal nicht.

Im Unionsvorstand sind am Tag zuvor Erhebungen der Meinungsforscher gezeigt worden, dass die CDU bundesweit auf 45 Prozent zusteuern könnte, die FDP aber unter fünf Prozent verharrt.

Merkel will ihren Partner wenigstens etwas stützen. "In diesen schwierigen Zeiten kann keine andere Koalition unser Land besser führen", erklärt sie. Aus Dankbarkeit allein sei aber noch nie jemand gewählt worden. Nach ihrer Wiederwahl fordert sie ihre Partei deshalb markig auf: "Ran an den Speck! Wir haben viel zu tun!" Durch und durch Cheftrainerin.

Zum Thema:
Die CDU bleibt beim Nein zur steuerlichen Gleichstellung von homosexuellen Paaren mit verheirateten Männern und Frauen. Der Parteitag nahm einen entsprechenden Antrag nach einer engagierten Debatte der Gegner und Befürworter mit Mehrheit an - bei einer großen Zahl von Gegenstimmen. Der hessische Landtagsabgeordnete Walter Arnold sagte, es gehe nicht um Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaften, sondern um den grundgesetzlich festgelegten Schutz von Ehe und Familie.