Renate Schmolling steht in der Vereinsgaststätte des FSV Brieske-Senftenberg und schüttelt den Kopf. „Das ist doch hirnrissig“ , schimpft sie und überfliegt eine Infobroschüre auf dem Thekentisch, in der die Brüsseler Regelungen genannt sind. Um Bockwürste aufzuwärmen, brauche sie keinen Warmwasseranschluss. Da reiche ihr ein heizbarer Kessel. Die Würste werden auf Pappe gereicht, Bier und Brause im Plastikbecher. „Wozu brauche ich dann eine Spüle mit Warmwasseranschluss?“
Während sich die Senftenbergerin empört, arbeiten 50 Meter weiter zwei ihrer Mitarbeiter im ehemaligen Verwaltungstrakt des FSV. Ein kleiner Flachbau, ein paar Schritte vom Spielfeld entfernt, auf dem Landesligist Brieske-Senftenberg gerade das 2:0 gegen die Gäste aus Forst erzielt. Aus der Fensteröffnung wird Bockwurst und Bier gereicht. Weder niest noch hustet die Bedienung auf Speis und Trank. Auch Hauterkrankungen, eiternde Wunden an Armen oder Händen sind nicht erkennbar. Damit erfüllen die beiden Verkaufskräfte Renate Schmollings wesentliche EU-Anforderungen. Eine Handwaschgelegenheit mit Warm-und Kaltwasserzufuhr, Flüssigseife und Einmalhandtüchern allerdings ist in dem kleinen Ausschankraum nicht zu sehen.

Begehrter Heimspiel-Service
In den Fußballkreisen der Region sind es meist die Pächter der Vereinsgaststätten, die Essen und Getränke anbieten. In den Cottbuser Ortsteilen Klein Gaglow und Willmersdorf lassen die Kneiper nach dem Anstoß die Türen einfach offen stehen. Wer etwas möchte, holt es sich drinnen. Problematischer sind die separaten Grillstände außerhalb der Gaststätten. Der SV Wacker Ströbitz 09 bietet seinen Besuchern diesen Service bei jedem Heimspiel, so Reinhard Schmidt. Der Vereinschef hat von den neuen EU-Richtlinien zwar gehört, sie aber „gedanklich weggeschoben“ , wie er sagt.
Schmidt kann sich nicht vorstellen, dass strenge Auflagen so penibel kontrolliert werden, dass es am Ende an den Spielfeldern keine Grillstände mehr gibt: „Die Bratwurst gehört zum Fußball. Man kann beides nicht voneinander trennen.“ Das sei historisch gewachsen. Reinhard Schmidts Hoffnung ist die: „Was wie ein Wolkenbruch aussieht, das kommt am Ende nur als Nieselregen runter.“
Das kann Joachim Rohde, Geschäftsführer des Fußballkreises Niederlausitz mit fast 90 Fußballvereinen, ebenfalls nur hoffen: „Es wäre sehr bedauerlich, wenn uns die Bratwurstgrillstände wegbrechen.“ Bei vielen Klubs würden sich gerade zu besonderen Anlässen - bei Jubiläen oder zum Saisonauftakt - Vereinsmitglieder ehrenamtlich an den Grill stellen. Das habe Tradition und bringe ein bisschen Geld in die klamme Vereinskasse. Außerdem habe Rohde noch nie gehört, dass sich jemand durch die Wurst am Spielfeldrand den Magen verdorben habe.

Gartenschlauch statt Wasserleitung
Auch Brigitte Weber fällt dafür kein Beispiel ein, zumindest nicht im Landkreis Spree-Neiße. Dort ist sie zuständig für Lebensmittelüberwachung und Verbraucherschutz. Die neuen Vorschriften, beruhigt sie, würden sich schlimmer anhören als sie sind. Es wimmelt darin von Gummibegriffen wie „ausreichend“ , „angemessen“ oder „erreichbar“ . „Das eröffnet Spielräume und gibt uns die Möglichkeit, Lösungen zu finden“ , sagt die Sachgebietsleiterin und bietet den Vereinen das beratende Gespräch an. Zum Beispiel würde Brigitte Weber nicht darauf bestehen, dass Vereinsgriller Hände und Geschirr direkt am Grill waschen müssen. Wenn sie das 30 Meter entfernt in der Vereinsgaststätte tun, ist für die Lebensmittelkontrolleurin die Auflage „leicht erreichbar“ erfüllt. Fließend warmes Wasser, nennt sie ein weiteres Beispiel, kann auch aus einem Glühweinkübel laufen. Da müsse man nicht extra eine Warmwasserleitung legen. Kaltes Wasser könne auch per Gartenschlauch zum Grillstand geleitet werden.

Gesunder Hausfrauenverstand reicht
Keinen Spaß versteht Brigitte Weber, wenn die angebotenen Lebensmittel nicht in Ordnung sind. Dafür stünden Vereinsgriller in der Verantwortung. „Sie übernehmen auch die Haftung“ , stellt die Veterinärin klar. Ihr Kollege Jörg Wachtel, Veterinäramtsleiter im Landkreis Oberspreewald-Lausitz, wird noch deutlicher: „Wer verdorbenes Fleisch anbietet, begeht eine Straftat.“ Aber auch Wachtel will der EU-Verordnung ihren Schrecken nehmen: „Um beim Grillen am Spielfeldrand alles richtig zu machen, reicht der gesunde Hausfrauenverstand.“ Das fange mit dem Kauf von ausschließlich frischer Ware an, gehe weiter mit der richtigen Platzwahl und höre damit auf, nicht zu viele Würstchen gleichzeitig auf den Grill zu legen.

Hintergrund Die Vorgaben aus Brüssel
  Die EU-Hygieneverordnung gilt seit 2006. Die Bundesregierung hat jedoch erst jetzt die Durchführungsvorschriften fertig gestellt. Ab Herbst gelten die neuen Standards. Sie sehen unter anderem folgendes vor:
Lebensmittelverkaufsstände müssen überdacht sowie seitlich und rückwärts umschlossen sein.
Neben einer Geschirrspülmöglichkeit muss eine leicht erreichbare Handwaschgelegenheit mit ausreichender Handwaschgelegenheit mit Warm- und Kaltwasserzufuhr , Flüssigseife sowie Einmalhandtüchern vorhanden sein.
Warm verzehrte Speisen sind bis zur Abgabe durchgängig heiß zu halten (über 65 Grad) und nicht länger als drei Stunden vorrätig zu halten.
Bereiche, in denen Lebensmittel zubereitet werden, müssen vom Publikumsverkehr abgeschirmt oder aber ausreichend entfernt sein.