Benjamin Schlosser (18) hat die Tagesordnung für die nächste Sitzung des Senftenberger KJP schon im Kopf. Punkt 1: Podiumsdiskussion, Punkt 2: Kindertag, Punkt 3: OpA. Bitte was? Der KJP-Chef trinkt einen Schluck Apfelsaftschorle und erklärt: "Operation politische Aufklärung. Wir gehen in alle Senftenberger Schulen und erklären, wie das Stadtparlament funktioniert, was der Bürgermeister so alles macht. Ein Stadtverordneter kommt mit, um die Sache lebendiger zu machen." Benjamin will bei der Gelegenheit gleich ein paar Mitglieder werben. Nachwuchs können er und sein Stellvertreter gut gebrauchen. "Stimmt!", sagt Martin Fischer (17), der in der Senftenberger Kneipe "Net Life" mit Benjamin am Kneipentisch sitzt. In der Stadt kennt man die beiden mittlerweile ganz gut. Die Ladeninhaber zum Beispiel ganz bestimmt, die bei den Alkoholtests des KJP unangenehm aufgefallen sind. In mehr als 20 Geschäften waren Unter-16-Jährige aus dem KJP kürzlich schon das zweite Mal unterwegs, um Hochprozentiges zu kaufen. In den meisten Läden kamen sie mit Wein, Bier, Alkopops und Schnaps wieder raus – ohne dass die Verkäufer nach den Ausweisen gefragt hätten. Eine öffentliche Auswertung der Alkoholtests mit Vertretern von Polizei, Ordnungsamt und Stadtverordneten sei interessant gewesen, habe aber nichts gebracht. "Wir müssen zu konkreten Lösungen kommen", meint Benjamin und schlägt ein "Non-Alk-Label" für all die Geschäfte vor, die auf den Jugendschutz achten. Benjamin ist der vierte KJP-Chef seit Gründung des Parlaments im Dezember 1998. Seither haben die Jungparlamentarier immer wieder von sich reden gemacht, einen Freizeitführer für Senftenberg herausgebracht, am Spielplatz-Konzept der Stadt mitgearbeitet, die Ausstattung in Schulen kritisiert oder Handy-Schulungen für Senioren angeboten. Vergangene Woche kam schon zum zweiten Mal Brandenburgs Bildungsminister auf Einladung des KJP ins Senftenberger Gymnasium, um sich ins Kreuzverhör der Schüler und Lehrer nehmen zu lassen. Woher dieses Engagement? "Ich kann mit Menschen gut umgehen", sagt Martin. Das merke er im KJP und in der Schule, und das gebe ihm ein gutes Gefühl. "Außerdem wird bei mir grundsätzlich alles ausdiskutiert." Dafür sei er bei seinen Lehrern berühmt-berüchtigt. Wahrscheinlich habe er das von seinem Vater geerbt, mit dem er beim Frühstück und Abendbrot "alles Mögliche" debattiert. Als Stadtführer, als Chefredakteur der Schülerzeitung "Konfus" und eben auch als stellvertretender KJP-Vorsitzender lebt Martin diese Neigung aus. Allerdings: Politiker werden will er nicht. "Höchstens Feierabend-Politiker auf kommunaler Ebene." Er hofft nach dem Abi auf eine Offizierslaufbahn bei der Bundeswehr. Benjamin schließt eine Berufspolitiker-Karriere nicht aus, will aber "erstmal was Richtiges lernen". In Informatik sei er ziemlich gut. Das will er studieren und sich später in der Branche auch einen Job suchen. Um zu erklären, was ihn ins KJP gebracht hat, schreckt er nicht zurück vor großen Worten: "Bei mir ist es der Glaube, etwas verändern zu können." Einer politischen Partei würden weder Martin noch Benjamin nahe stehen. Beide wissen aber schon jetzt, wie sie bei der vorgezogenen Bundestagswahl im Herbst wählen werden. Beide freuen sich drauf. Es ist ihre erste Wahl. Senftenbergs Stadtverordnetenvorsteher Anton Faust (PDS) findet die beiden Vorsitzenden "recht selbstbewusst". Genau diese Art der Einmischung war gewollt, als die Senftenberger Stadtverordneten Ende 1996 beschlossen, ein Kinder- und Jugendparlament zu begründen. Die Stadt nimmt ihr KJP sehr ernst. Die jungen Politiker bekommen alle Beschlussvorlagen, sie haben Rederecht in allen Ausschüssen, ihr Vorsitzender auch in den Stadtratssitzungen. Was sich Anton Faust noch wünscht: Dass auch Studenten der Fachhochschule Lausitz im KJP mitmischen, und die anderen Senftenberger Schulen, nicht nur das Gymnasium. Nur fünf Kilometer von Senftenberg entfernt, im sächsischen Lauta, hat sich erst Ende März ein Kinder- und Jugendbeirat konstituiert. Was ohne Bürgermeister Hellfried Ruhland nie passiert wäre. Im vergangenen Jahr ging der 46-Jährige in die neunten Klassen der Mittelschule. Im Gemeinschaftskunde-Unterrricht ließ er eine Stadtparlamentswahl durchspielen und machte so Lust auf die Gründung des Kinder- und Jugendbeirats. Veranstaltungen wie Sportwettkampf, Badefest oder Seifenkistenrennen sind Themen, über die der Beirat aktuell berät. Anders als in Senftenberg sollen die Nachwuchspolitiker ganz unabhängig vom Lautaer Stadtrat ihre eigenen Beschlüsse fassen. "Das dürfen keine Trockenübungen sein", warnt Ruhland. Der Bürgermeister hat einen "Spendenfond Jugendhilfe" eingerichtet, damit gefasste Beschlüsse auch umgesetzt werden können. Die SPD-Landtagsabgeordnete Barbara Hackenschmidt hat mit dem Förderverein Lokale Agenda 21 im Elbe-Elster-Kreis gleich bei drei Kinder- und Jugendbeiräten "Geburtshilfe" geleistet. In Elsterwerda, Finsterwalde und Falkenberg gelang es vor zwei Jahren innerhalb von drei Monaten Jugendliche für die Beiräte zu erwärmen. "Die Situation war in allen drei Städten eine andere", erinnert sich Hackenschmidt. In Finsterwalde ging es den Jugendlichen um den Erhalt des Jugendklubs Juselhalle. Doch als die Jung-Parlamentarier erleben mussten, dass ihre Konzepte für die Sanierung nicht beachtet wurden, war es vorbei mit der Motivation. Barbara Hackenschmidt: "Der Beirat ist schleichend gestorben." Auch in Elsterwerda schlief der Beirat ein. Während er sich in Falkenberg dauerhaft zu etablieren scheint. Für Barbara Hackenschmidt ist das auch ein Verdienst der Stadtverwaltung, die dem Beirat im Zentrum Falkenbergs ein Büro für ihre Sprechstunden eingerichtet hat und sich eine Jugendkoordinatorin leistet. "Ohne Hilfe der Erwachsenen geht es nun mal nicht", sagt Barbara Hackenschmidt. Das habe sich bei dem Jugendbeiräte-Projekt im Elbe-Elster-Kreis gezeigt. ............................................................................... Hintergrund: Parlamente und BeiräteIn der Lausitz und im Elbe-Elster-Land haben zwischen 2000 und 2005 folgende Kommunen Kinder- und Jugendbeiräte eingerichtet, die heute noch bestehen: im April 2000 Cottbus, im Mai 2002 Guben, im November 2003 Falkenberg und im März 2005 Lauta. Das Senftenberger Jugendparlament existiert seit Dezember 1998. Weitere Jugendparlamente in Brandenburg gibt es in: Eberswalde, Rathenow, Jüterbog, Storkow, Treuenbriezen und Frankfurt/Oder. In Sachsen haben sich Jugendparlamente in Eibenstock, Freiberg, Zittau, Bad Düben, Großlehna und Grimma gegründet, Jugendstadträte in Markkleeburg, Oschatz, Torgau, Glauchau und Werdau. In Lichtenau gibt es einen Jugendgemeinderat, in Borna ein Jugendforum und in Görlitz einen Jugendrat. Die Stadt Colditz hat einen Jugendbeauftragten. .............................................................................