Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich inzwischen eingeschaltet, ihre erste "Chefinnensache", wie geunkt wird. Gestern gab es darüber hinaus ein Krisentreffen von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Bahnchef Hartmut Mehdorn. Und heute wird sich auch noch das Bundeskabinett mit dem umstrittenen Vorhaben der Eisenbahner beschäftigen. Wieder einmal zeigt sich, wie belastet die Beziehung des eigenwilligen Managers Mehdorn zur Politik und umgekehrt ist. Mit einer Ausnahme: Der ehemalige Kanzler Gerhard Schröder hielt stets seine schützende Hand über den befreundeten Konzernchef. Doch wie hält es Angela Merkel“
Obwohl die Ressorts Verkehr, Finanzen und Umwelt im Aufsichtsrat der Bahn vertreten sind, wurde die Bundesregierung offenbar ebenso wie die Berliner von den Plänen überrollt. Das macht die Sache für den streitbaren und oft ruppigen Bahnchef Mehdorn besonders prekär. Zwar gaben sich die beteiligten Häuser und Regierungssprecher Ulrich Wilhelm gestern überaus zugeknöpft, doch der Missmut über vermeintlich vollendete Tatsachen soll in Regierungskreisen groß sein. Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hatte die neue Bundeskanzlerin Merkel prompt öffentlich um Hilfe für den Standort in der Hauptstadt gebeten. Merkel telefonierte am Wochenende mit Wowereit, heute soll Minister Tiefensee im Kabinett erklären, "welche konkrete Standortpolitik die Bahn betreibt", so Regierungssprecher Ulrich Wilhelm.
Eine derart wichtige Entscheidung könne nicht ohne das ausdrückliche Einverständnis des Bahn-Eigentümers Bund erfolgen, glaubt Wowereit. Doch aus dem Verkehrsministerium hört man vorläufig andere, zurückhaltendere Töne. Der Umzug sei zunächst urgeigne Unternehmensentscheidung, und gehöre damit zum operativen Geschäft der Bahn. Und aus dem hat sich der Bund in der Vergangenheit stets herausgehalten. Erwartet wird deshalb, dass sich die Bundesregierung mit Merkel an der Spitze nicht einseitig pro Berlin oder Hamburg positionieren wird - zumindest nicht öffentlich.
Auf Merkels Unterstützung kann Mehdorn allerdings nicht unbedingt bauen. Auch nicht auf Sympathien des SPD-Vorsitzenden Matthias Platzeck oder von Verkehrsminister Tiefensee. Denn alle drei kommen aus Ostdeutschland, wo die Bahn sich trotz erheblicher Kritik schon seit längerem auf dem Rückzug befindet.