Als im Dezember 2009 die acht Kilometer lange Ortsumfahrung Drebkau freigegeben wurde, sollte für die Bundesstraße 169 und den Verkehr auf der Oder-Lausitz-Straße ein neues Zeitalter anbrechen. Nach vier Jahren Bauzeit wurde durch das 25-Millionen- Euro-Projekt die Infrastruktur im Süden Brandenburgs verbessert. Es folgte die Ortsumfahrung Senftenberg (Baukosten: 35 Millionen Euro). Die damalige Landes-Verkehrsministerin Jutta Lieske (SPD) sah Drebkaus Einwohner von den Belastungen des Verkehrs befreit. Und sie verwies darauf, "dass auch der Wirtschaftsverkehr profitieren wird".

Für den Drebkauer Frank Wollermann war dies das Startsignal, an der B 169 einen Tank- und Rasthof mit Truckservice, Tankstelle und Service für Brummifahrer zu planen und entstehen zu lassen. Zumal die Politik damals keinen Zweifel daran ließ, dass die Ortsumfahrungen um Klein Oßnig, Neupetershain-Nord, Lindchen und Allmosen an dieser Bundesfernstraße nicht lange auf sich warten lassen würden.

Während sich die Prophezeiungen der Ministerin schnell realisierten, allein der Schwerlastverkehr um mehr als 70 Prozent zunahm, gerieten die anvisierten Ortsumfahrungen ins Hintertreffen. Erst im jüngsten Bundesverkehrswegeplan bis 2030 rutschten die Umgehungen in den vordringlichen Bedarf - ohne dass bisher durch das Land geplant worden wäre. Vielmehr ist seit Jahren außer Acht geraten, dass der Verkehrslärm für die Anwohner in den B 169-Anrainerorten immer größer wurde. Eine Interessengemeinschaft (IG) setzte sich zur Wehr.

Inzwischen hat es der Spree-Neiße-Kreis nach einem Urteil des Cottbuser Verwaltungsgerichts vom Dezember 2016 (siehe Infobox) schwarz auf weiß, dass die Lärmbelastung in Klein Oßnig eine Dimension angenommen hat, die die gesetzlich vorgeschriebenen Grenzwerte deutlich überschreitet. Seit Jahren protestieren die Anwohner dagegen. Mehr als eine Tempo-30-Zone konnten sie aber nicht erreichen. Anrainerkommunen wie Allmosen teilen dieses Schicksal seit Jahren.

Während der Spree-Neiße-Kreis nach Auskunft eines Sprechers an der Umsetzung des Gerichtsurteils zur Gewährung von Lärmschutz arbeitet, hat Frank Wollermann ein "Aktionsbündnis B 169" ins Leben gerufen.

Gut 50 Unternehmen - darunter zahlreiche Logistiker - von Cottbus bis Schwarzheide sind ihm den Angaben nach bisher beigetreten. Mit dem Ziel, "Lärmsanierung ohne Verkehrsbeschränkungen" zu erreichen. Für Wollermann, der Vermieter der Grundstücke auf dem Tank- und Rasthof in Drebkau ist, gebe es mit der Interessengemeinschaft B 169 doch ein gemeinsames Ziel: "Wir wollen Lärmschutz und Verkehrsfluss."

Das Aktionsbündnis der Wirtschaft fordert deshalb umgehenden Planungsbeginn für die Ortsumfahrungen Klein Oßnig und Allmosen sowie deren schnellstmögliche Realisierung. Als Zwischenlösung werde der für Anrainer kostenfreie Einbau von Lärmschutzfenstern angeregt. Das Bündnis will damit der Resolution der IHK Cottbus Nachdruck verleihen, dass die "Einschränkungen der unternehmerischen Tätigkeit weitestgehend zu vermeiden ist".

Das Aktionsbündnis listet auf, welche Auswirkungen ein Lkw-Fahrverbot unter anderem zur Folge hätte:

- Die Umleitung über die Autobahnen würde acht Millionen zusätzliche Lkw-Kilometer jährlich bedeuten - mit Auswirkungen auf Kosten für Diesel und Lohn sowie die Belastung für Mensch und Umwelt.

- Bundes- und Transitverkehr würden unzulässig eingeschränkt.

- Die Polizei würde zusätzlich Personal für Kontrollen brauchen. Stellplätze dafür fehlen.

- Die Verkehrsinfrastruktur würde geschwächt - ein Hemmnis für Ansiedlungen und Strukturwandel.

Aktiv wurde das Aktionsbündnis, weil der B 169 zwischen den Autobahnen A 15 und A 13 ein Lkw-Fahrverbot droht. "Die Politik hat uns im Stich gelassen und nun sollen die Lkw von dieser Musterstraße", sagt Frank Wollermann mit Blick auf die in Aussicht gestellten weiteren Ortsumfahrungen. Aus seiner Sicht müsse mit den Anwohnern ein Kompromiss gefunden werden, der sich im Einbau von Lärmschutzfenstern - kostenfrei für die betroffenen Anwohner - niederschlagen soll. "Wir wollen Anwohnern in lärmsanierten Häusern zeigen, was diese Fenster bringen", kündigt Wollermann an.

"Es ist schon etwas rätselhaft. Davon haben wir noch nichts gehört", erklärt IG-Vorsitzender Gerhard Düring.

Zudem hätten die Anwohner ein rechtskräftiges Urteil in den Händen, das die Behörden zur Einhaltung von Lärmschutz-Grenzwerten auffordert.

Daran arbeitet der Spree-Neiße-Kreis zurzeit. Er will mit einem Verkehrslenkungskonzept auf das Klein Oßnig-Urteil reagieren. Dabei musste die Forster Verkehrsbehörde Ende Februar allerdings einen Rückschlag hinnehmen, da sich der beauftragte Lehrstuhl Verkehrslenkung der TU Dresden derzeit nicht in der Lage sieht, ein solches Konzept zu entwickeln.

Jetzt wollen die betroffenen Kreise Spree-Neiße, Oberspreewald-Lausitz und die Stadt Cottbus die Landesregierung auffordern, diese Aufgabe unter Federführung des Landesbetriebes Straßenwesen umzusetzen.

Für den Kläger-Anwalt Karsten Sommer hat der Landkreis dafür aber nicht unbegrenzt Zeit. Die Interessengemeinschaft erwartet das Konzept Ende Mai. Anwalt Sommer macht zudem deutlich, dass sich das Gericht klar zugunsten "der Schutzbedürftigkeit der Menschen" an der B 169 ausgesprochen habe. Ein Verkehrsverbot für den Schwerlastverkehr werde den Quell- und Zielverkehr auf dieser Bundesstraße aber auch künftig nicht betreffen - eine Forderung, auf die auch die IHK Cottbus im Interesse der regionalen Wirtschaft drängt.

Wie eine Lösung für die B 169 aussehen könnte, hat der Cottbuser Geschäftsführer der Poredda Logistic Service oHG in der RUNDSCHAU skizziert. Mit dem Verweis darauf, dass rund 90 Prozent des Lkw-Ausweichverkehrs auf der B 169 aus Osteuropa komme, sagt Christian Poredda: "Es geht zunächst darum, den Transitverkehr auf der Autobahn zu halten."

Mehr zum Lärmschutzstreit auf:

lr-online.de/b169