Vor Kammer 5 ist eine erst vor zwei Jahren errichtete Mauer teilweise schon wieder weggebrochen. Steine liegen im Staub. Irgendetwas drückt auf die Wand hier in 750 Meter Tiefe im früheren Salzbergwerk Asse. Ein Schild warnt vor atomarer Strahlung. "Asse", sagt Wolfram König, der Präsident des Bundesamtes für Strahlenschutz, das seit zwei Jahren für die Anlage zuständig ist, "ist wie ein riesiges Hochhaus unter Tage, dem der Einsturz droht."

Der Berg arbeitet. Wasser rieselt durch die Schächte, an manchen Stellen wird es mit simplen Eimern aufgefangen. Und mitten drin liegt in 13 der insgesamt 131 riesigen, 60 Meter langen Kavernen schwach radioaktiver Abfall, der von Laugen umspült wird. Genau weiß man das nicht, denn die meisten Kammern sind von den einstigen Betreibern mit meterdickem Beton versiegelt worden, als sie die Anlage 1978 stilllegten. Niemand weiß auch, ob sie nicht schon eingestürzt sind, wie 24 andere.

Mit Mikrofonen und Sensoren wird oben die Bewegung des Berges beobachtet. "Wir erleben derzeit eine Aktivität, die uns nicht beruhigt", sagt König. Oben fährt Manfred Denzel (Name geändert) Taxi. "Es wird gelogen und betrogen, dass sich die Balken biegen", sagt er. Denzel kennt sich aus. Früher hat er genau für jene Industrie gearbeitet, die seiner Region hier das Müllproblem beschert hat, das nun den Wert der Häuser in den Keller rauschen lässt. Er war 14 Jahre lang als Starkstromelektriker in Atomkraftwerken tätig.

Denzel ist dafür, dass der Müll wie beschlossen schnell herausgeholt wird, ehe alles zusammenbricht. Aber er ist dagegen, ihn nach Schacht Konrad in Salzgitter zu bringen. Denn der ist auch nur 20 Kilometer von Braunschweig entfernt, wo Denzel wohnt. "Bei Asse haben sie gesagt, es sei sicher. Und nun sagen sie, Schacht Konrad ist sicher. Ich glaube nichts mehr." In der Problemliste, die König präsentiert, kommt "Verunsicherung der Bevölkerung" erst weiter unten vor. Viel schlimmer ist das Wasser. Täglich sickern etwa zwölf Kubikmeter in das Bergwerk ein und müssen irgendwie vom Strahlenmüll ferngehalten werden.

In 650 Meter Tiefe werden gerade Verbindungsstollen mit Beton verstopft, um größere Einbrüche abzuhalten. "Die Asse darf nicht absaufen", sagt König. "Das ist erst mal das Hauptziel." Kontaminiertes Wasser könnte leicht mit dem Grundwasser und damit mit der Natur an der Oberfläche in Kontakt kommen. Denn der Salzstock ist nicht dicht, es gibt noch aus der alten Zeit des Salzabbaus Verbindungen ins Nachbargebirge.

"Das hätte nie als Atommülllager genehmigt werden dürfen", sagt König. Doch 1967, als die Helmholtz-Gesellschaft hier angeblich zu wissenschaftlichen Zwecken mit der wilden Einlagerung begann, waren Sicherheit und Umwelt noch keine Kategorie. Die Radionuklide, die hier liegen, sondern zwar keine hohe Strahlendosis ab, sind aber gefährlich, wenn sie in den Körper gelangen sollten. Auf den Einbruch von bis zu 500 Kubikmeter Wasser pro Tag, das sind 500 000 Liter, will König vorbereitet sein, die Anlage entsprechend abschirmen. Notfallvorsorge, nennt er das. Aber die umfangreichen Baumaßnahmen dafür sind für Leute wie Denzel oben in den Dörfern wiederum ein Grund für das Misstrauen, "dass die den Müll in Wirklichkeit für immer unten lassen wollen".

Punkt zwei auf Königs Dringlichkeitsliste ist die Klärung der Frage, was in den Kammern eigentlich genau liegt. Man weiß, dass es über 125 000 Fässer sind, man weiß, dass sie zuletzt nur noch von oben abgekippt wurden, man weiß, dass in etlichen stärker strahlendes Zeug steckt, als offiziell deklariert wurde. Und man ahnt, dass viele Fässer längst zerfallen sind und sich der Inhalt mit Salz und Wasser vermischt hat. Ex-Umweltminister Sigmar Gabriel nannte Asse einmal die "problematischste kerntechnische Anlage Europas". Das war stark untertrieben. König hat jetzt vor Kammer 7 eine Probebohrung durch den 27 Meter dicken Betonpfropfen geplant, um anschließend das Innere mit Sensoren und Kameras zu erkunden. Vor der Kammer ist alles vorbereitet, inklusive Räumen für die Dekontaminierung der Arbeiter und Vorrichtungen gegen eine mögliche Gasexplosion.

Asse gilt seit zwei Jahren als atomtechnische Anlage, und plötzlich nehmen die Genehmigungsbehörden alles äußerst genau. 32 Auflagen hat König allein für die Bohrung bekommen. Dazu gehört ein abwaschbarer PVC-Boden im Stollen, wie im Badezimmer. Er hofft, dass er noch in diesem Jahr einen ersten Blick in die Büchse der Pandora werfen kann. Vordringlich ist auch ein zweiter Grubenschacht, um genügend Arbeiter und Maschinen nach unten bringen zu können. Genehmigung und Bau dauern dafür wahrscheinlich zehn Jahre. Erst dann können die rund 100 000 Kubikmeter Müll mit Hilfe von Robotern geborgen und nach oben geholt werden. Anschließend müssen sie irgendwo neu konfektioniert werden, ehe es dann in vielen kleinen Castor-Transporten nach Schacht Konrad geht. Dessen Genehmigung reicht derzeit jedoch nicht für die enormen Mengen, die anfallen.

Ein neues atomrechtliches Verfahren wird notwendig sein. Aber das ist fast schon ein Detailproblem. König wagt angesichts der vielen Schwierigkeiten keine Prognose über die Dauer des Ganzen, auch nicht über die Erfolgsaussichten. "Wir wissen nicht, ob die Rückholung am Ende funktioniert", meint der 53-jährige. "Wir tasten uns vor." Immerhin, Geld spielt keine Rolle. Auf bis zu sechs Milliarden Euro schätzen Experten die Gesamtkosten.

Die Atomkonzerne haften dafür nicht, auch nicht die Helmholtz-Gesellschaft. Das zahlt der Steuerzahler. "Asse", sagt König, "ist nicht der Beweis, dass Endlagerung nicht geht. Sondern es ist der Beweis, wie Endlagerung nicht geht".