Dr. Michael Polte ist Facharzt für Allgemeinmedizin in der Hausarztambulanz der Betriebsarztsanitätsstelle im Carl-Thiem-Klinikum Cottbus. Seit einigen Wochen aber hat sich sein Arbeitsalltag verändert: Als einer von mehreren Medizinern ist er zuständig für die Erstuntersuchung von Flüchtlingen.

Bis zu 50 Menschen aus dem arabischen Raum, zumeist junge Männer, kommen Tag für Tag in die Ambulanz. Begleitet von Dolmetschern, durchlaufen sie ein ausgeklügeltes, effektives System von Untersuchungen.

Michael Polte: "Zunächst beantworten die Flüchtlinge Fragen nach ihrem Allgemeinbefinden und, soweit bekannt, zum Impfstatus, anschließend werden sie untersucht." Sind Infektionen vorhanden? Lunge abhören, ein Blick auf die Haut und in den Mund. "Wir müssen gründlich sein und trotzdem schnell", erklärt der Mediziner und ist überzeugt: "Wir schaffen die Quadratur des Kreises."

Tuberkulose als größte Sorge

Am Ende der Untersuchungskette steht die Röntgenaufnahme der Lunge. "Unsere größte Sorge war ein Ausbrechen von Tuberkulose", sagt Polte. "Die Krankheit könnte sich in der räumlichen Enge der Asylunterkünfte schnell ausbreiten, zudem ist das Immunsystem der Flüchtlinge oft geschwächt." Um sich selbst zu schützen, tragen die Klinikmitarbeiter Mundschutz bei der Arbeit in der Ambulanz. Bisher aber gab es unter den rund 500 Untersuchten erst zwei Fälle von Tuberkulose.

Zur Diagnostik werden diese Patienten stationär aufgenommen, unter bestimmten Vorsichtsmaßnahmen: "Wir isolieren sie zunächst, um auch das Einschleppen von möglichen multiresistenten Keimen zu verhindern", erklärt der Mediziner.

Die weitere Behandlung der TB könne dann ambulant erfolgen, dauere aber zwischen sechs und zwölf Monaten.

Im Wartebereich haben inzwischen neue Patienten Platz genommen. Mit einem Kleinbus werden sie von der Erstaufnahme an der Poznaner Straße ins Klinikum gebracht. Sie warten geduldig, unterhalten sich auf Farsi, Syrisch, Französisch oder Englisch. Ärztin Maryam Yamini bittet ins Sprechzimmer, die oft muslimischen Männer folgen ihren Anweisungen. "Nur ab und an gibt es Probleme, wenn sich die Männer ausziehen sollen", erklärt Michael Polte. "Sie schämen sich."

In den ersten Tagen haben Männer des Ordnungsamtes die Flüchtlinge begleitet und den Ablauf überwacht. Ängste, dass es zu Auseinandersetzungen kommen könnte, haben sich nicht bestätigt, die Ordner wurden inzwischen abgezogen.

Für Michael Polte ist die Arbeit mit den Flüchtlingen zur Routine geworden. "Sie sind so krank oder gesund wie wir auch. Und sie benehmen sich nicht anders als unsere sonstigen Patienten."

Ein Kinderarzt, der die minderjährigen unbegleiteten Flüchtlinge aus ganz Südbrandenburg im Klinikum untersucht, erzählt von ähnlichen Erfahrungen: Der allgemeine körperliche Zustand der Kinder sei stabil. Ihn aber habe berührt, dass viele Kinder Narben von früheren Verletzungen aufweisen, auch Stichverletzungen seien darunter. Ihn sorgen, wie bei den Erwachsenen, die oft fehlenden Impfungen.

Eigentlich sollten Flüchtlinge zeitnah geimpft werden. Praktisch aber scheitert das oft an der Überlastung der Ärzte und an fehlendem Impfstoff. Dr. Liv Fünfgeld, Allgemeinärztin und ehrenamtlich in der Cottbuser Erstaufnahme tätig: "Wir aus dem Helferkreis sind zunächst vor dem logistischen Aufwand zurückgeschreckt." Wichtig aber wäre eine Impfung der Flüchtlinge gegen Tetanus/Wundstarrkrampf, Diphterie, Keuchhusten und Kinderlähmung.

Gefahr in den Krisengebieten

Die Kinderlähmung (Polio) ist hier seit einigen Jahren ausgerottet, weltweit gibt es aber immer wieder Fälle, gerade in Pakistan oder Afghanistan. Der Mikrobiologe Dr. Werner Bär, der sich unter anderem im Rahmen seiner Mitgliedschaft bei den Rotariern für die Ausrottung der Polio starkmacht, sieht durch die ankommenden Flüchtlinge allerdings keine Ansteckungsrisiken. "Gefährdet sind die Menschen in den Krisengebieten, mit unzureichender Gesundheitsversorgung und zusammengebrochener Infrastruktur." Impfen sei die einzige Möglichkeit, die Krankheit auszurotten. "Gefährlicher ist eine mögliche Ausbreitung von Tuberkulose", so der Mikrobiologe. Die aber werde bei der Erstuntersuchung gegebenenfalls erkannt und dann behandelt.

Kaum Geschlechtskrankheiten

"Geschlechtskrankheiten und HIV sind gerade unter Muslimen nur sehr gering verbreitet", so Bär. Flüchtlinge aus dem afrikanischen Raum seien hier öfter betroffen.

Zum Thema:
In Dresden und Leipzig wurden Praxen zur ambulanten ärztlichen Versorgung von Asylbewerbern eingerichtet. Hier erhalten Patienten mit regulärem Behandlungsschein die ihnen zustehende Schmerz- und Akutbehandlung. Mit den Ambulanzen sollen umliegende Ärzte entlastet werden, denn der Praxisbetrieb ist auf die Behandlung ausländischer Patienten eingerichtet. So sind neben Ärzten auch immer Dolmetscher anwesend. Eine ähnliche Ambulanz ist auch in Chemnitz geplant. Per Gesetz dürfen Asylbewerber nur in Notfällen und bei Schmerzen einen Arzt aufsuchen. Vorsorgeuntersuchungen oder andere Gesundheitsleistungen, wie sie Krankenversicherte in Anspruch nehmen, erhalten sie nicht. Die Kosten für Arztbesuch und Klinikaufenthalt übernimmt das jeweilige Land. Die Kommune, in der der Asylbewerber untergebracht ist, muss das Geld vorstrecken.