Bewaffnete und vermummte Polizeibeamte stehen im Klassenzimmer, die Schüler versammeln sich in der angrenzenden Sporthalle: Die Angst vor einem im Internet angekündigten Amoklauf an einer Schule in Baden-Württemberg hat gestern das badische Offenburg und weitere Gemeinden des Ortenaukreises im Griff. 300 Polizeibeamte hefteten sich an die Fersen eines 18 Jahre alten Schülers, der bewaffnet war und als Anhänger gewaltverherrlichender Computerspiele galt. Der junge Mann, der den groß angelegten Polizeieinsatz verursacht hatte, wurde am frühen Nachmittag tot in einem Waldstück gefunden. Er hatte sich selbst erschossen. Mit dem Selbstmord des 18-Jährigen endete ein Tag, der an den Schulen des ländlich geprägten Landkreises für erhebliche Unruhe gesorgt hatte. Ob der junge Mann einen Amoklauf geplant hatte, war aber unklar.
"Hier in Offenburg hat die Gefahr ein Gesicht bekommen", sagt Edwin Hilberer. Der stellvertretende Leiter des Offenburger Polizeireviers hat Posten vor dem Technischen Gymnasium bezogen. Die Schule in der Offenburger Innenstadt ist bereits vor Unterrichtsbeginn von Beamten zweier Spezialkommandos umstellt und durchsucht worden. Ebenso eine Grund-, Haupt- und Realschule in der wenig entfernten Gemeinde Neuried-Ichenheim.

Introvertierter Einzelgänger
Der 18-Jährige, der am Dienstagabend von seinem Vater als vermisst gemeldet worden war, hatte beide Schulen besucht. "Wir mussten davon ausgehen, dass an diesen Schulen etwas geplant war", sagte Einsatzleiter Hans-Joachim Meyer. Der junge Mann galt als introvertierter Einzelgänger. Zudem hatte er schulische Probleme. Die Tatsache, dass er eine Waffe bei sich führte, habe die Situation zusätzlich verschärft. In dem Technischen Gymnasium, das der 18-Jährige seit Sommer vergangenen Jahres besuchte, ging er in die zwölfte Klasse und bereitete sich dort auf das Abitur vor.
"Es war für uns alle natürlich ein Schock und eine ungewohnte Situation", sagt der Lehrer Günter Kriwett. Lehrer, Schüler und Polizisten hätten jedoch besonnen reagiert. Eine Panik habe es nicht gegeben. Die 500 Schüler und 30 Lehrer am Technischen Gymnasium wurden durchsucht, danach fand wie gewohnt Unterricht statt. In Neuried-Ichenheim entschloss sich der Schulleiter, den Unterricht für die rund 500 Schüler ausfallen zu lassen. Weitere Schulen des Ortenaukreises folgten dem Beispiel. Gefunden wurde bei den Durchsuchungsaktionen nach Polizeiangaben nichts.
"Wir mussten mit dem Schlimmsten rechnen", sagt Polizeidirektor Reinhard Renter. Auf der Fahrt nach Hause wurden Schüler und Lehrer von der Polizei bewacht. In den Schulen hielten sich Rettungssanitäter und Psychologen bereit. Für beunruhigte Eltern schaltete die Polizei eine Telefon-Hotline, die nach Renters Angaben häufig genutzt wurde. "Eltern und Schüler waren natürlich verunsichert." Nach dem Amoklauf an einer Schule im westfälischen Emsdetten vor zwei Wochen sei die Gefahr einer Gewalttat von vielen als realistisch eingeschätzt worden.
Auch die Familie des 18-Jährigen, die in einer kleinen Gemeinde im Ortenaukreis lebt, wurde psychologisch betreut. Aus dem Besitz der Familie fehlten eine Pistole sowie Munition. Die Waffe aus dem Zweiten Weltkrieg war ein Erbstück des gestorbenen Großvaters. Mit dieser Waffe tötete sich der Jugendliche selbst.

Letzte Nachricht per Handy
"Es ist nicht klar, ob der 18-Jährige im Internet einen Amoklauf an einer Schule angekündigt hat", sagte Renter. Die Polizei habe den Computer des Jugendlichen beschlagnahmt und suche nun nach Hinweisen.
Die Polizei hatte zwei Hubschrauber, Suchhunde sowie zahlreiche Beamte eingesetzt. In einem Waldstück in der Nähe des Elternhauses des 18-Jährigen wurden sie fündig. Neben der Leiche lag das Fahrrad, mit dem der Schüler in den Wald gefahren war.
Seine letzte Nachricht hatte der 18-Jährige am Dienstagabend per Handy-Kurzmitteilung einem Freund geschickt: "Ich gehe morgen nicht zur Schule. Es geht mir dreckig." Auf die Antwort seines Freundes hatte der Jugendliche nicht mehr reagiert. Er hatte sein Handy bereits ausgeschaltet.