Dort beschreiben Fahrgäste ihre Leidengeschichte im Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) - das reicht von Pöbeleien alkoholisierter Jugendlicher, rabiaten Schwarzfahrern, unverhofften Faustschlägen bis hin zu schweren Messerattacken, um nur Weniges zu nennen. Die Gewalt im Nahverkehr hat dramatisch zugenommen. Gegen andere Fahrgäste, gegen Busfahrer oder gegen das Inventar. Dabei hätte man gewarnt sein können: Die Entwicklung war vorhersehbar, sagen Experten.

Falsche Zeit, falscher Ort
Auch Polizeiberichte sprechen eine deutliche Sprache: Wer sich zur falschen Zeit in Bussen oder Bahnen befindet, spielt mit seiner Gesundheit. Allein in Berlin registrierten die Behörden im ersten Halbjahr rund 280 Körperverletzungen im Nahverkehr. Laut Berliner Verkehrsgesellschaft gibt es täglich zwei Angriffe auf Mitarbeiter oder Fahrer; sie werden bespuckt oder geschlagen. Die Dunkelziffer ist immens, weil nicht jede Attacke gemeldet und registriert wird. Berlin ist aber kein Einzelfall: "Wir haben seit Jahren eine steigende Gewaltkriminalität in den Städten, die sich auch im Nahverkehr entlädt", sagt Konrad Freiberg, Vorsitzender der Polizeigewerkschaft (GdP). Selbst das ansonsten so sichere München vermeldet einen Zuwachs. Und Hannover hat schon vor einigen Jahren einen Expertenkreis "Sicher mit Bus & Bahn" eingerichtet.
Die Verrohung der Gesellschaft schreitet voran. Jetzt rächt sich laut Freiberg, dass die Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften in U- und S-Bahnen massiv reduziert wurde. "Das subjektive Sicherheitsgefühl der Menschen schwindet." Viele Bürger würden deshalb bereits den ÖPNV meiden. "Wenn den Verkehrsunternehmen Sicherheit wichtig ist, dann müssen sie auch die Leute dafür einstellen", so der GdP-Chef. Aber mehr Uniformierte kosten mehr Geld - und in der Regel fahren Busse und Bahnen kräftige Defizite ein.
Es gibt Erhebungen von Verkehrsbetrieben, die belegen: Nicht nur die Anwesenheit von Personal hilft und schreckt ab, gleich darauf folgen Überwachungssysteme. "Wir wissen, dass der Einsatz von Videoüberwachung in Bussen und Bahnen dazu führt, dass zum Beispiel signifikant weniger Scheiben zerkratzt werden", berichtet Karl-Peter Naumann, Sprecher des Fahrgastverbandes Pro Bahn. Busse, Bahnen, Züge - komplett überwacht von Videokameras. Diese Diskussion ist zwar nicht neu, gewinnt aber laut Fahrgastverband zunehmend an Bedeutung.

Tiefensee-Idee aufgegriffen
Wolfgang Bosbach (CDU) ist ein Freund der Videoüberwachung. Aber nicht nur das: Der Unions-Innenexperte fordert zugleich, mit der "Bagatellisierung der Alltagskriminalität" aufzuhören. "Keine falsche Toleranz gegenüber den Tätern", verlangt Bosbach. Angesichts der Entwicklung kann sich der Unions-Mann nun sogar mit einer Idee anfreunden, die Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) unlängst missverständlich propagierte, die aber in Leipzig versucht wird: "Service, Sauberkeit, Sicherheit, da gibt es eine Menge von Einsatzmöglichkeiten von Hartz IV Empfängern im öffentlichen Nahverkehr", rät Bosbach den Kommunen.