Der Tagungsleiter kündigt eine Rede des „Vorsitzenden“ an – und fügt, nachdem er den Lapsus bemerkt, hastig „der Linksfraktion im saarländischen Landtag“ hinzu. Da lacht der Saal, aber die kleine Szene zum Abschluss des Bundesparteitages der Linken am Sonntag in Erfurt symbolisiert die unangetastete Machtstellung Oskar Lafontaines auch nach seinem krankheitsbedingten Rückzug als Parteichef im vergangenen Jahr.

Der 68-jährige Saarländer hält ja auch tatsächlich die Rede eines Vorsitzenden. Die Partei brauche endlich den „aufrechten Gang“ und solle sich „nicht von anderen in die Defensive drängen lassen“. Die Diskussion um das schwache Führungsduo Lötzsch und Ernst sucht Lafontaine mit einem Machtwort zu beenden: Die Führung verdiene „die Solidarität der gesamten Partei, auch wenn sie Fehler macht“. Und dann ruft er lautstark: „Wir müssen jetzt die Reihen schließen.“. Da will der Beifall gar nicht enden.

Bereits am Vortag hatte der Saarländer gezeigt, dass er einen Parteitag immer noch im Handumdrehen auf seine Seite ziehen kann. Es ging um eine programmatische Schlüsselfrage über Krieg und Frieden. In mühevoller Kleinarbeit hatten sich die Strategen aller Parteiströmungen auf „ein sofortiges Ende aller Kampfeinsätze der Bundeswehr“ verständigt. Doch einigen besonders radikalen Linken war dieser Passus immer noch zu weich. Sie fürchteten, dass dadurch „Schlupflöcher“ für Auslandseinsätze anderer Art geöffnet würden. Doch Lafontaine warnte eindringlich davor, das Fass für eine neue Debatte aufzumachen. Mit ihm gebe es keine Schlupflöcher. „Ihr könnt Euch da auf mich verlassen.“ Das reichte, um den Parteitag zu überzeugen.

Manche Delegierte sahen in Lafontaines Kurzauftritt freilich auch einen versteckten Hinweis für ein mögliches bundespolitisches Comeback. „Da hat er einen Stein ins Wasser geworfen, das zieht jetzt Kreise“, meinte eine Delegierte. Und der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Gehrke frohlockte: „Wenn es so wäre, könnte es mich nur freuen.“

Bereits vor Wochen hatten fundamentalistische Flügelvertreter Lafontaine als Kandidaten für die Bundestagswahl 2013 ins Spiel gebracht. Spekuliert wird auch über eine Rückkehr an die Parteispitze. Er selbst hielt sich in Erfurt zu einem Neuanlauf bedeckt. Solche Fragen würden dann beantwortet, wenn sie anstünden. Und was seine Intervention bei der Friedensdebatte angehe, da galt es nur einen Kompromiss zu verteidigen, sagte Lafontaine der RUNDSCHAU.

Auch Lafontaines Idee für ein „Willy-Brandt-Korps“ zur internationalen Katastrophenhilfe wurde glatt bestätigt. Dass die Truppe, weil selbstverständlich unbewaffnet, nichts für die Zivilbevölkerung in militärischen Konfliktgebieten ausrichten könnte, störte die wenigsten.

Ausgerechnet bei der Drogenpolitik brachen dann alle Dämme. Die Delegierten stimmten einen Passus ins Programm, der einer Legalisierung harter Rauschmittel wie Heroin oder Kokain das Wort redet. Der Entwurf sah nur die Freigabe weicher Drogen wie etwa Haschisch vor. Und wieder war es ein Altvorderer, der Feuerwehr spielte. Fraktionschef Gregor Gysi (63) suchte den Beschluss erst einmal zu relativieren. Natürlich müssten die Dealer und Drogenbarone „bestraft“ werden. Das sei doch selbstverständlich. Doch da war die Nachricht längst in der Welt. Unter dem Eindruck des heftigen Medienechos zog Gysi die Notbremse. Das Programm war bereits in seinen Teilen komplett durchdebattiert, als es am späten Samstagabend noch zur Ergänzung durch einen Halbsatz kam. Demnach versteht sich der Drogen-Beschluss als „Entkriminalisierung der Abhängigen und die Organisierung von Hilfe“ für die Betroffenen.