Fast 770 Jahre Stadtgeschichte haben da ganz andere Spuren hinterlassen: Angriffe der Schweden zu Beginn des
18. Jahrhunderts, der Siebenjährige Krieg, Kämpfe zwischen napoleonischen Truppen und den Russen 1813. Den Einwohnern erwächst aus solcher Historie eine eigene Gelassenheit. In Pirnas Perle, seiner Altstadt, finden sich beredte Beispiele. Wer seine Schritte in das malerische Viertel lenkt, findet nicht nur zahlreiche denkmalgeschützte und meist liebevoll sanierte Häuser. Die Marken des Wassers vom August sind an vielen Stellen noch deutlich sichtbar, manchmal übermannshoch. Fotos aus den Fluttagen dokumentieren das damalige Inseldasein des Rathauses inmitten des Marktes. Hier, etwa 20 Kilometer östlich von Dresden, tummeln sich in diesen Tagen die Händler und Besucher des Weihnachtsmarktes. "The same procedure as every year" - aber der Eindruck stimmt nicht ganz.

Läden locken Kundschaft an
Viele Läden rund um den alten Stadtkern locken wie jedes Jahr zur Adventszeit die Kundschaft. "Etwa 60 Prozent der betroffenen Geschäfte sind wieder geöffnet", sagt Matthias Armbruster, Geschäftsführer der Stadtentwicklungsgesellschaft Pirna mbH. Bis zum Jahresende sollen drei Viertel der Shops ihre Waren anbieten, hofft er. "Spätestens im Frühjahr wird Pirna noch schöner sein als vor dem Hochwasser."
Der Optimismus bei Händlern und Hoteliers ist da etwas gedämpfter. "Wir kommen zurecht", konstatiert Lutz Dunkel, Betreiber des Hotels "Pirnascher Hof", die Lage nüchtern. Allerdings habe es nur sehr wenig Touristen gegeben. "Die meisten Gäste waren Handwerker oder Leute, die mit der Beseitigung der Hochwasserschäden zu tun hatten", sagt er. Im Januar will er das Haus sanieren. Ein paar Schritte weiter ist der Umbau im "Romantik-Hotel" bereits in vollem Gang. Ein selbst gemaltes Schild kündet von Durchhaltevermögen: "Was der Dreißigjährige Krieg nicht geschafft hat, schafft auch kein Elbehochwasser: Pirna lebt! Wir machen weiter!"
Was unmittelbar nach dem Abfließen des braunen Wassers eher wie Fatalismus angemutet hätte, ist mittlerweile von Tatsachen belegt. "Einige Gewerbetreibende sind nun in höher gelegene Stadtgegenden umgezogen", sagt Armbruster. Aber er kenne niemanden, der von Aufgeben geredet habe. "Beim ersten Anblick der Schäden regte sich zwar hier und da ein emotionales "Das war's!", sagt er. Wenige Tage später seien solche Worte aber meist einem nüchtern-trotzigen "Wird schon wieder!" gewichen.
Noch dominieren tagsüber viele Handwerker und weniger Besucher das Markttreiben. Die Geschäfte hoffen dennoch auf einen kleinen Vorweihnachtsboom. Ob Modeverkäufer, Drogistin oder Buchhändler - fast unisono sprechen sie vom zarten Pflänzchen Hoffnung, das mit jedem Kunden wächst. "Zum 1. Advent war die Altstadt voller flanierender Fußgänger", sagt Armbruster - auch wenn an jenem Sonntag die Läden geschlossen waren.

Aktion "Land in Sicht"
Der diesjährige Weihnachtsmarkt hat dagegen nichts von Euphorie. "Der neue Betreiber hat mehr mittelalterliche Atmosphäre versprochen, als gehalten wurde", sagt Armbruster. Dennoch bleibt er zuversichtlich. Davon kündet auch die Postkarten-Aktion der Stadt, die unter dem Motto "Land in Sicht!" einen optimistischen Bogen nach der Flut schlägt.
Das scheint viel für eine Stadt mit etwa 42 000 Einwohnern und Schäden, die mehr als das Doppelte des kommunalen Jahresetats von 62 Millionen Euro ausmachen. Ein älterer Herr fasst seinen Eindruck in Worte: "Man muss bewundern, dass viele weitermachen." Alte Damen können zäh sein.