125 der 150 wahlberechtigten Bürger Wismars und Hansfeldes haben sich vor kurzem in einer Bürgerbefragung für den Länderwechsel und eine Eingemeindung durch Strasburg ausgesprochen. Die Abtrünnigen treibt das Geld: Seitdem die Dörfer 2006 vom Strasburger Trink- und Abwassernetz zum Anbieter aus der 30 Kilometer entfernten uckermärkischen Kreisstadt Prenzlau wechseln mussten, wird erbittert gestritten. "100 Euro pro Jahr und Familie zahlen wir mehr", entrüstet sich Ludwig. "Man kann seine Länderzugehörigkeit doch nicht wie sein Unterhemd wechseln", hält Monika Becker dagegen, die parteilose Bürgermeisterin der Gemeinde Uckerland, zu der die wechselwilligen Dörfer gehören. "Der niedrigere Preis der Strasburger war nur dadurch begründet, dass die Wismarer keine Anschlussgebühren zahlen mussten. Das Rohrleitungsnetz geh*am p*ouml;rt aber der Gemeinde." Bösen Willen möchte sich Becker nicht unterstellen lassen. "Wir haben Wismar nie als letzten Zipfel Brandenburgs behandelt", fügt sie hinzu. "Zuletzt haben wir ein neues Feuerwehrauto angeschafft."
Dieter Ludwig zeigt stolz eine Urkunde aus dem Jahre 1874. Sie würdigt einen seiner Vorfahren für dessen 25 Jahre langen Einsatz als Gemeindevertreter - in Strasburg. Denn die jetzigen Landesgrenzen sind noch nicht allzu alt: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Uckermark geteilt und den DDR-Bezirken Neubrandenburg und Frankfurt/Oder zugeschlagen. Nach der Wende kam der dünn besiedelte Landstrich zum größten Teil nach Brandenburg. Die Stadt Strasburg sprach sich nach langem Hin und Her für Mecklenburg aus. So entstand der brandenburgische Zipfel, der in das Nachbarland ragt.
"Mein Doktor, mein Friseur und meine Bank sind in Strasburg", erzählt Ludwig und kommt auf weitere Streitpunkte zu sprechen: die Schulkosten für acht Wismarer Kinder, die in Strasburg zur Grundschule gehen; Probleme mit der ärztlichen Versorgung, weil der Hausarzt von Strasburg nicht über die Landesgrenze nach Wismar kommen kann. Doch ein Wechsel ist nicht einfach. Nach dem Grundgesetz können nur die Bundesländer selbst darüber befinden. Das Potsdamer Innenministerium weiß nach eigenem Bekunden noch nicht viel über die Wismarer Pläne. Landwirt Dieter Ludwig hat indessen schon den Petitionsausschuss des Landtages um Unterstützung gebeten. Auch seine Gegenspielerin Becker dringt auf eine Lösung.