Die drei Mädchen aus dem Schulorchester des Brandenburger Dom-Gymnasiums machen noch schnell ein Selfie mit Ministerpräsident Dietmar Woidke und Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (beide SPD), da fährt auch schon die Polizeieskorte vor. Bundespräsident Joachim Gauck und seine Lebensgefährtin Daniela Schadt sind an diesem Sonntag zu Gast im Dom von Brandenburg an der Havel. Denn das im Stil der Gotik aus Backsteinen erbaute Gotteshaus feiert seinen 850. Geburtstag.

1165 soll ein gewisser Bischof Wilmar den Grundstein für den Dom gelegt haben. So steht es jedenfalls in der Chronik des Heinrich von Antwerpen, einem der wichtigsten mittelalterlichen Geschichtsschreiber der Mark Brandenburg.

Impulse für ganz Brandenburg

"Wie bei einem Herzschlag, der den Körper belebt" seien von der Kirche immer wieder Impulse ausgegangen, die Brandenburg geprägt hätten, sagt der Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (Ekbo), Markus Dröge, in seiner Predigt. Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) sprach von der "Wiege der Mark". Bis 1937 befand sich am Dom die 1707 gegründete Ritterakademie, eine Eliteschule, die unter anderem der FDP-Politiker Otto Graf Lambsdorff besuchte. Doch zu DDR-Zeiten verfiel das Gotteshaus.

Spendenaktion für Gotteshaus

Als der Dom in den 1990er-Jahren sogar einsturzgefährdet war, sammelten Lambsdorff, der Komiker Loriot alias Vicco von Bülow und der damalige Berliner Bischof Wolfgang Huber dann unter dem Motto "Dom in Not" Spenden für die Sanierung des Bauwerks. Wie Bundespräsident Joachim Gauck nach dem Gottesdienst verriet, habe Loriot selbst Gaucks Lebensgefährtin, die damalige Nürnberger Journalistin Daniela Schadt, für den Denkmalschutz begeistern können.

Insgesamt wurden seit der Wiedervereinigung rund 50 Millionen Euro in das Gotteshaus investiert. Und rund um die wichtigste Kirche der Mark Brandenburg entstanden in den letzten Jahren eine Kindertagesstätte, eine Grundschule und ein Gymnasium in kirchlicher Trägerschaft. Damit sei der Dom bis heute ein "Zeichen der Treue Gottes zu den Menschen", sagt Dröge.

"Beständig und immer wieder neu haben Kinder und Jugendliche den Ort als geistliche Heimat erlebt", sagt Huber, der im violetten Mantel des Domdechanten den Gottesdienst mitgestaltet. Dann aber ist es Zeit für den früheren mecklenburgischen Pastor Joachim Gauck, einige Worte an die Festgemeinde zu richten. Und wie fast immer, wenn er in einer Kirche spricht, wird der erste Mann im Staate spontan zum Prediger.

Gerade noch hatten die Gottesdienstbesucher die biblische Erzählung vom verlorenen Sohn gehört, der nach einem ausschweifenden Leben verarmt zu seinem Vater zurückkehrt - da verlässt auch der Bundespräsident sein Manuskript, um zu bekennen, dass es ihm eine "Herzenssache" sei, dass im Leben eines Menschen "der eine Satz aus dem Gleichnis auftaucht: Ich will mich aufmachen zu meinem Vater." Anschließend würdigt Gauck den Brandenburger Dom als "großes Stück Glaubens- und Kulturgeschichte" und als "einen faszinierenden Lernort". Der Dom habe für die Menschen Identität geschaffen. "Hier haben Menschen ja nicht nur gebetet, sie haben auch gezweifelt und gehofft, gefeiert und gelebt", sagt der Bundespräsident. "Wer hier auf Spurensuche geht, der entdeckt neben Zeugnissen des Glaubens die Ängste und Träume einer längst vergangenen Zeit, Kunstfertigkeit und Bildungsideale, Machtwillen und auch so manches Fehlurteil." Religiöser Glaube vereine in sich Geschichte und Verheißung, Herkunft und Zukunft, Beständigkeit und Offenheit für das Kommende.

Neue Ausstellung eröffnet

"An einem Ort wie diesem spürt man etwas von der jahrhundertelangen Suche der Menschen nach Geborgenheit, dem Hunger nach Trost und dem Sinn des Lebens, nach Antworten, die der Dom unendlich vielen, die hierher kamen, auch geschenkt hat." Zudem spüre man die Strahlkraft, die diese Kirche bis heute habe. Die Dominsel habe eine einzigartige Atmosphäre "und inzwischen auch ein überregionales Renommee".

Was nicht zuletzt an den Schätzen des Dommuseums liegt. In einer neuen Ausstellung, die am Sonntag eröffnet wurde, wird die 1237 verfasste Pergamenturkunde gezeigt, auf der zum ersten Mal die Stadt Cölln an der Spree erwähnt ist - das heutige Berlin. Gezeigt wird auch die Gründungsurkunde des Bistums Brandenburg, während die Historiker nach einer an den Bischof Hieronymus Schulz übersandten Originalausgabe von Martin Luthers 95 Thesen bislang vergeblich suchten.

Und da das Domjubiläum in diesem Jahr parallel zur Bundesgartenschau stattfindet, hoffen Landeskirche und Domgemeinde auf bis zu 80 000 Besucher in der wichtigsten Kirche der Mark Brandenburg.