Aber manchmal zerreibe ich sie auch zwischen den Fingern." Dabei haben die kleinen Tierchen die Tübinger Genetikerin berühmt gemacht und ihr 1995 den Nobelpreis beschert. Denn an ihnen hat sie die wesentlichen Mechanismen erforscht, wie aus einer Eizelle Insekten werden. Heute wird die Direktorin am Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie 70 Jahre alt. Doch in Rente will sie nicht.

Tausende der kleinen Fruchtfliegen hat die Biologin in ihren Laboren gezüchtet, sie unter dem Mikroskop beobachtet, ihre Eier, Larven und Puppen gezeichnet. Vor allem Mutanten interessierten sie. Durch die Mutationen konnten sie und ihr Kollege Eric Wieschaus schließlich erklären, wie die Gene aus einem Ei eine Fliege werden lassen. Die entscheidende Entdeckung dabei war, dass die Fliegen-Mutter jede Eizelle mit vier Substanzen versieht. Sie legen fest, wo beim Tier oben und unten, vorn und hinten ist. Dadurch entsteht ein Raster, in dem sich die Organe der Fliegenlarve entwickeln - jedes Organ, jeder Flügel, jedes Bein am richtigen Ort.

Geboren wurde Nüsslein-Volhard 1942 in Magdeburg, aufgewachsen ist sie mit ihren drei Schwestern und ihrem Bruder in Frankfurt am Main. Mit etwa zehn Jahren besorgte sich Nüsslein-Volhard ihr erstes Bestimmungsbuch. Nach dem Abitur studierte sie Biologie und Biochemie und spezialisierte sich auf die Genetik. Seit 1981 arbeitet die erste deutsche Medizin-Nobelpreisträgerin am Tübinger Max-Planck-Institut.

Jede Woche nimmt die Forscherin Gesangsunterricht, hin und wieder tritt sie in kleinem Rahmen als Mezzosopranistin auf und singt Arien von Schubert und Brahms. Um das neue Feld der Genetik vielen Menschen verständlich zu machen, schrieb sie populärwissenschaftliche Bücher. Auch ein Kochbuch hat die Biologin veröffentlicht.

Inzwischen forscht Nüsslein-Volhard an Zebrafischen. Sie beschäftigt sich mit den Streifen der Fische und mit den Genen, die dafür verantwortlich sind, das manche Streifen weiter auseinanderliegen als andere.