"Warum antwortet der nicht„", fragt ein Marinesoldat ungeduldig, der als Signäler am Funkgerät steht: "This is Coalition Warship. Foxtrott 215. Bitte antworten Sie!", drängt der junge Wilhelmshavener das fremde Schiff. Das wortlose Knistern auf Kanal 16 löst in den Köpfen der Besatzung Alarm aus.
Das Abfragen von allem, was sich auf dem Seeweg rund um das Horn von Afrika und die arabische Halbinsel bewegt, ist ihr Part in der Terroristenjagd, der von Amerika kommandierten Operation "Enduring Freedom". In einem Krieg im Frieden, in dem der Feind verschwommene Konturen hat, ist selbst das Schweigen eines Frachtschiffs verdächtig. "Wir blinken ihn mit Blaulicht an", dringt die ruhige Stimme von Kapitän Peter L. durch die abgedunkelte Kommandobrücke. Er lässt den Riesen vom 6. Fregattengeschwader in Wilhelmshaven Kurs auf den fremden Frachter nehmen. Doch den bringt auch das nicht aus der Ruhe.
"Der will nicht", stellt der Signäler fest. "Schalten wir den großen Scheinwerfer an." Das deutsche Kriegsschiff wirft einen gleißenden Lichtstrahl über das schwarze ruhige Meer und hält Kurs auf das Schiff. Da endlich bricht dessen Kapitän das Schweigen. "Guten Abend, Sir, dürfen wir sie höflichst bitten, uns ein paar Fragen zu beantworten“", reagiert sichtlich erleichtert Signäler Thomas. Der nächtliche Fremde entpuppt sich als liberianischer Chemietanker auf dem Weg von Monrovia nach Indien. Seine müde Brückenbesatzung hatte den Funkspruch zunächst schlichtweg überhört.
"Solche Situationen gehören zu den Schwierigkeiten unseres Einsatzes", erklärt der erste Offizier an Bord, Norbert B. "Da macht sich vielleicht ein Schiff verdächtig, weil es nicht gleich antwortet und ist dabei völlig harmlos", meint der Münchner. "Und ein andermal winkt einem die Besatzung freundlich zu und hat unter ihrer Plane womöglich Waffen, mit denen sie uns angreift." Zwar kam das noch nicht vor. Doch nach dem Terroranschlag auf den französischen Tanker "Limbourg" im Oktober und dem auf das amerikanische Kriegsschiff USS-"Cole" vor zwei Jahren in Häfen des Jemen sind westliche Kriegsschiffe in hoher Alarmbereitschaft, wenn sie die Region befahren.

Gefährliche Region
Das Pentagon führt den Jemen seit Oktober 2000 unter den gefährlichsten Regionen des Nahen Ostens. Seine Küste gehört zu dem Gebiet von der dreifachen Größe der Bundesrepublik, das der internationale Truppenverband der "Task Force 150" seit Jahresbeginn von Terroristen oder Geschäften terroristischer Organisationen freihalten soll. Durch ständige Präsenz und Registrierung aller Schiffe und Boote soll der Handel von Waffen, Drogen und Munition verhindert werden. Die Abfrageergebnisse werden direkt an das US-Kommando in Bahrein weitergeleitet, das damit ein weltweites Lagebild über die Verkehrs- und Handelswege der Weltmeere vervollständigt, um schwarze Schafe besser orten zu können.
Rund 4400 Schiffe und Boote hat allein die Deutsche Marine schon abgefragt. Dass nur fünf davon durchsucht werden mussten, wertet Flottillenadmiral Rolf Schmitz als "Beleg dafür, wie abschreckend unsere Präsenz hier ist". Der Kölner, der seit November Kommandeur des deutschen Einsatzkontingents mit derzeit zwei Fregatten, einem Tanker und einem Tender ist, räumt ein: "Wir haben nichts Spektakuläres vorzuweisen. Aber das zeigt doch gerade, dass die Leute, auf die wir es abgesehen haben, die Region meiden, weil sie die Präsenz der großen, grauen Schiffe abschreckt." Davon wimmelt es nur so am Horizont. Neben den 710 deutschen Marinesoldaten der Basis Dschibuti stechen von hier Franzosen, Briten, Spanier und Amerikaner regelmäßig in See. Hubschrauber, Aufklärungsflieger und neuerdings gelegentlich auch eine unbemannte Drone der Amerikaner knattern und düsen durch d ie klare Luft.
"Ein bisschen Angst bleibt immer", meint eine Wachsoldatin am Ausguck und sagt, was auch viele der anderen rund 230 Besatzungsmitglieder bewegt. "Heute ist es hier noch völlig friedlich - aber wer weiß denn schon, wie es morgen aussieht, wenn die Amerikaner vielleicht den Irak angreifen oder irgendein Ziel in dieser Region?" Das Unbehagen ist nach den Anschlägen in Kenia gewachsen, zumal die USA vor einem möglichen Anschlag in Dschibuti gewarnt haben.
"Mein Schmortopf" heißt der kleine, staubige Wüstenstaat Dschibuti in der Sprache der Einheimischen. "Afrikas Achselhöhle", nennen ihn die Marinesoldaten. Dschibutis gleichnamige Hauptstadt zählt zu den heißesten und ödesten Punkten dieses Planeten. Das zweitkleinste Land Afrikas kann noch mehr Superlative aufweisen: Es ist einer der teuersten Plätze der Welt, weil es fast nichts gibt, was nicht importiert werden muss. Gerade mal zehn Prozent der 600 000 Einwohner haben Arbeit. Dafür sind sie Meister im Verbrauch der Kaudroge Khat.
"Diese Stadt ist so öde und teuer, dass es die meisten selbst bei einem Hafenbesuch gar nicht groß an Land zieht", erklärt Feldjäger Frank-Peter T. Ab und zu haben er und seine Kollegen dann doch zu tun, wenn sie Streife durch die französisch anmutenden, staubigen Straßen gehen, in denen die Soldaten in allen Bereichen gern gesehene Kunden sind. "Vor kurzem mussten wir eingreifen, als ein Taxifahrer einem Marinesoldaten mehr abknöpfen wollte als ausgemacht" erklärt der muskulöse Eckernförder, der Dschibuti nach Einsätzen in Bosnien und im Kosovo eher gelassen nimmt. "Als er nicht zahlen wollte, wurde der Fahrer handgreiflich."

Frust stärker als Vernunft
Für gefährlicher als Geldbetrug halten die medizinischen Betreuer der Besatzung jedoch etwas anderes: Aids ist unter den Prostituierten in Dschibuti, die meist aus dem benachbarten Äthiopien stammen, so verbreitet wie in kaum einem anderen Teil Afrikas. Irgendwann, weiß ein Schiffsarzt, sei der Frust über die öde Umgebung bei manchem Soldaten dennoch stärker als die Vernunft. "Manche werden sogar kurz vor der Heimfahrt nochmal schwach, wenn sie das Risiko nicht mehr so ernst nehmen", weiß er. "Und meist ist Alkohol im Spiel, der wie ein Reset-Knopf für die geplagte Psyche wirkt", sagt der Mediziner. Vertrauen ihm Kameraden an, dass sie ungeschützten Sex hatten, behandelt er sie mit einer Postexpositionsprophylaxe. "Das heißt: Vier Wochen HIV-Medikamente und dann ein Test." Bislang sei keiner positiv ausgefallen.
An Bord der "Brandenburg" steht an diesem Abend Besuch an: Die französischen Fremdenlegionäre, die zusammen mit rund 2800 Soldaten der ehemaligen Kolonie fest in Dschibuti stationiert sind, kommen auf ein Fass Bier aufs Schiff. "Solange der Vorrat reicht", erklärt ein Marinesoldat, der davon ausgeht, dass die Party spätestens nach zwei Stunden beendet ist.
Begleitet von dutzenden Tümmlern fährt der graue Riese nach zwei Wochen Seefahrt in den stinkenden Hafen von Dschibuti ein. "Das ist jetzt das zwölfte Mal innerhalb von fünf Monaten", sagt ein Matrose. Das nächste Mal wird vorerst das letzte sein. Denn wenn die Ablösung, die Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern", rechtzeitig da ist, geht es für die Besatzung der "Brandenburg" am Nikolaustag wieder zurück nach Norddeutschland. "Aus dem Schmortopf zurück in den Eisschrank", lacht ein Soldat.