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"Dicke Luft” im schönen Spreewald

Beim Festumzug zum 25. Heimat- und Trachtenfest am Sonntag in Burg: Gleich fünf Bilder gestaltete der Heimat- und Trachtenverein. Die Burger Amtsdirektorin Petra Krautz /r.), selbst Vereinsmitglied, war mit dabei.
Beim Festumzug zum 25. Heimat- und Trachtenfest am Sonntag in Burg: Gleich fünf Bilder gestaltete der Heimat- und Trachtenverein. Die Burger Amtsdirektorin Petra Krautz /r.), selbst Vereinsmitglied, war mit dabei. FOTO: Hirche/jul1
Burg/Cottbus. Gemeinde und Amt Burg gehören zu den touristischen Boom-Regionen. Doch die Stühle von Kommunalpolitikern wackeln kräftig. Ein Abwahlantrag folgt dem nächsten. Die Amtsdirektorin darf zunächst bleiben, doch bis 2022 ist's lang. Christian Taubert

In der Spreewaldgemeinde Burg boomt es. Vor allem touristisch. Für diese Erkenntnis braucht es keine Tiefenprüfung. Die Entwicklung der Kommune ist augenscheinlich: Reha-Klinik, Spreewaldtherme mit Thermehotel, hochwertige Natur-Appartments, attraktive Kahnfahrangebote, die Wellness-Bereiche in den Hotels "Zur Bleiche", im Seehotel oder im "Leineweber". Mehr als eine halbe Million gewerbliche Übernachtungen im Vorjahr waren neuer Rekord - davon profitieren alle sechs Gemeinden des Amtes Burg (siehe Infobox).

Die Spreewaldkommune und das gesamte Amt könnten bald aber auch in einer ganz anderen Statistik in der Spitze mitmischen: beim Austauschen ihrer Politiker. Zurzeit jagt ein Abwahlantrag den nächsten. Und ein Ende ist nicht absehbar. So wollte der Amtsausschuss Anfang August zunächst die parteilose Amtsdirektorin Petra Krautz stürzen. Die ehemalige Burger Kämmerin hatte Anfang 2014 den zuvor abgewählten Amtsdirektor Ulrich Noack (CDU) beerbt, der vom Amtsausschuss kein Vertrauen mehr erhielt. Ihm wurde unter anderem eine eigenmächtige Entscheidung in Sachen Trink- und Abwasserverband zum Verhängnis.

Diesem Schicksal ist die amtierende Petra Krautz zunächst entgangen. Welche Bündnisse zur Mehrheitsbeschaffung im Vorfeld auch geschmiedet wurden: Am Ende fehlte eine Stimme zur notwendigen Zwei-Drittel-Mehrheit. "Was hier passiert, das tut mir leid für die Bürger und unser Amt", erklärt Krautz gegenüber der RUNDSCHAU. Sie habe sich keine Verfehlungen vorzuwerfen, mache ihren Job gern und lebe als gebürtige Burgerin für ihre Heimat.

Von der von CDU und GfB (Gemeinsam für Burg) angeführten Abwahl-Front wird ihr dagegen angelastet, Verwaltungsmitarbeiter im Regen stehen zu lassen und mit ihrem nüchternen, kompromisslosen Führungsstil zu einem zerrütteten Verhältnis von Amt und Amtsausschuss beigetragen zu haben. So musste Burgs Feuerwehrchef seinen Hut nehmen, weil er kein Fahrtenbuch geschrieben hat.

CDU-Fraktionschefin Anita Bordmann wird deutlich: In der Amtsverwaltung werde Personal drangsaliert, "die jungen Leute, die wir brauchen, verlassen uns". Als Vertreterin der Wirtschaft sagt die Inhaberin des Hotels am Spreebogen, dass die Amtsdirektorin nach außen viel zu wenig auftritt. Das Amt Burg werde schlecht bis gar nicht repräsentiert, gibt Anita Bordmann die Auffassung auch anderer Touristiker wider.

Was nach dem gescheiterten Abwahlantrag gegenüber Petra Krautz nun folgt, hat das Zeug, zur Provinzposse zu werden. Denn jetzt sieht sich der Burger SPD-Gemeindevertreter Siegbert Budischin einem Abwahlantrag als 1. stellvertretender Bürgermeister gegenüber. Er war das Zünglein an der Waage in der Abstimmung gegen Krautz. Mit seiner Stimme hätte es für die Abwahl der Amtsdirektorin gereicht.

Doch Budischin ist aus der abgestimmten Front der Burger Gemeindevertreter ausgebrochen. "Ich bin als Abgeordneter meinem Gewissen gefolgt und habe gegen die Abwahl gestimmt", sagt der 60-Jährige, der seit 1998 in der Gemeindevertretung ist. Im Amt wird unterdessen kolportiert, dass Budischin erpresst worden sei, mit den Burger Amtsausschussmitgliedern zu stimmen. Dabei soll es um Pachtverträge landwirtschaftlicher Flächen mit Verwandten der Amtsdirektorin gegangen sein. "Diese Gerüchte haben mir keine Ruhe gelassen", erklärt der Landwirt, der tagelang all seine Unterlagen gewälzt habe und klarstellt: "Es gibt keine Abhängigkeiten mit der Familie der Amtsdirektorin."

Dennoch lassen es ihm CDU und GfB nicht durchgehen, dass er sich nicht an Absprachen in der Gemeindevertretung gehalten hat. Sie haben für die Gemeindevertreter-Sitzung am heutigen Mittwoch einen Abwahlantrag gegen Budischin von seinem Ehrenamt als 1. stellvertretender Bürgermeister von Burg gestellt. In dem Antrag wird zudem auf das Misstrauen gegenüber dem langjährigen Gemeindevertreter verwiesen. Vor allem deshalb, so Bürgermeisterin Ira Frackmann (CDU), weil Budischin zuvor niemanden über seine plötzliche gegensätzliche Stimmabgabe informierte hatte.

Dabei soll Siegbert Budischin angeboten worden sein, sich bei der entscheidenden Abstimmung vertreten zu lassen. Der Offerte hatte er zunächst auch zugestimmt. "Doch als ich mir sicher war, dass ich reinen Gewissens abstimmen kann, habe ich mich zur Stimmabgabe entschieden", stellt der Landwirt seine Sicht dar. Ob ihm das in der heutigen Abwahl-Sitzung helfen wird. . .

"Dieser Abwahlantrag ist respektlos gegenüber Siegbert Budischin", zeigt sich der Bürgermeister der Amtsgemeinde Dissen-Striesow Fred Kaiser (parteilos) verärgert. "Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Der Gruppenzwang der Burger ist ohnehin zweifelhaft." Kaiser werde heute zu der öffentlichen Sitzung nach Burg fahren, "um Siebert Budischin zu zeigen, dass es noch Leute gibt, die zu ihm halten".

Unterdessen pfeifen es die Spatzen vom Heuschober, dass Budischins Abwahl - damit verliert er auch sein Mandat im Amtsausschuss - nicht das Ende, sondern der neue Anlauf zum nächsten Abwahlbegehren ist. Denn mit einem "zuverlässigen" neuen Burger Vertreter im Amtsausschuss steht der neuerlichen Attacke gegen Petra Krautz nichts mehr im Wege. Gelänge die Abwahl - sie ist bis 2022 gewählt -, stünde ihr ein Übergangsgeld von immerhin 75 Prozent ihrer derzeitigen Bezüge zu.

Zum Thema:
Zum Amt Burg gehören die Spreewald-Gemeinden Briesen, Burg, Dissen-Striesow, Guhrow, Schmogrow-Fehrow und Werben. Jede der Gemeinden hat ein Kommunalparlament mit gewählten Gemeindevertretern. Aus den sechs Gemeinden werden die Bürgermeister und gewählte Abgeordnete in den Amtsausschuss entsandt. Dort fallen Entscheidungen, die vom ganzen Amt getragen werden. Im Amt Burg wurde nach dem Tod von Amtsdirektor Hans-Joachim Gahler im Jahre 2006 der bisherige stellvertretende Burger Bürgermeister Ulrich Noack Amtschef. Nach seiner Abwahl im Mai 2013 übernimmt Kämmerin Petra Krautz amtierend die Amtsgeschäfte und tritt als neu gewählte Amtsdirektorin im Januar 2014 ihr Amt an.