Wie Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) am Samstag mitteilte, werden die "Patriot"-Raketenabwehrsysteme mit aktuell 250 deutschen Soldaten bis Ende Januar 2016 von der Südostgrenze der Türkei abgezogen. "Die Bedrohung in dieser krisengeschüttelten Region hat jetzt einen anderen Fokus erhalten. Sie geht heute von der Terrororganisation Islamischer Staat aus", so die Ministerin. Deutschland bleibe in der Region aber engagiert: in der nordirakischen Kurden-Hauptstadt Erbil, vor der libanesischen Küste und bei der Seeraumüberwachung im östlichen Mittelmeer unter Führung der Nato.

Die Nato reagierte zurückhaltend. "Die Entscheidung der deutschen Regierung wird von uns natürlich voll und ganz respektiert", sagte ein Sprecher in Brüssel. Aus Nato-Militärkreisen hieß es allerdings: "Auch wenn die Gefahr für die Türkei derzeit als gering eingeschätzt wird, bleibt das Risiko, dass innerhalb von Syrien gegen Oppositionskräfte abgefeuerte Raketen in der Türkei einschlagen könnten."

Über die Zukunft des Nato-Einsatzes in der Türkei ist nach Angaben des Nato-Sprechers noch nicht entschieden. "Die Militärs prüfen derzeit die künftigen Einsatzanforderungen und die Verfügbarkeit von anderen Raketenabwehrsystemen, um eine angemessene Lösung zu finden", sagte er.

Alle Bundestagsparteien nahmen die Nachricht vom geplanten Abzug positiv auf. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth sagte, da der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan "mehr und mehr außer Kontrolle gerät", sei dies sein "richtiger und notwendiger Schritt". Die türkische Strategie, die Kurden zu schwächen, anstatt sich auf die Bekämpfung des IS zu konzentrieren, sei gefährlich und falsch.

Die Türkei müsse sich wie ein solidarischer Bündnispartner verhalten, sagte der CSU-Verteidigungspolitiker Florian Hahn. Dazu gehöre auch, dass sie den Konflikt mit dem IS nicht benutze, "um uns innenpolitisch zu instrumentalisieren in dem Konflikt mit der PKK".

Die "Patriot"-Einheiten waren Anfang 2013 auf Wunsch der Türkei rund 100 Kilometer von der syrischen Grenze entfernt in einer Kaserne stationiert worden. Sie sollen das Gebiet rund um die Stadt Kahramanmara im Rahmen der Nato-Mission "Active Fence" vor Raketenangriffen aus dem Bürgerkriegsland Syrien schützen, sind bisher aber nicht zum Einsatz gekommen.

Nach der Bundesregierung haben am Sonntag auch die USA den Abzug ihrer Raketenabwehrsystemeangekündigt. Der im Oktober auslaufende Einsatz werde nicht verlängert, hieß es in einer gemeinsamen Erklärung der türkischen Regierung und der US-Regierung.

Das aktuelle Bundestagsmandat ist bis zum 31. Januar 2016 befristet. Der Einsatz war seit längerem umstritten - unter anderem, weil die Türkei von vielen Dschihadisten als Transitland nach Syrien genutzt wird.

Zum Thema:
Nach der Entscheidung über den Abzug der Bundeswehr-Soldaten aus der Türkei wirbt der CDU-Außenpolitiker Roderich Kiesewetter für eine andere Beteiligung Deutschlands in der Krisenregion. Sinnvoll wäre aus seiner Sicht der Einsatz deutscher Tornado-Aufklärungsflugzeuge gegen die Terrormiliz IS. Diese könnten an der Beobachtung von Bewegungen und Aufmarschgebieten des Islamischer Staats (IS) im westlichen und nördlichen Irak sowie im nördlichen Syrien mitwirken. Aus Unionskreisen hieß es, es sei nicht auszuschließen, dass die Anti-IS-Koalition von Deutschland demnächst mehr fordern werde.