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Deutschland verliert einen wichtigen Querdenker

Der Vermittler im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21, Heiner Geißler, gibt am 30.11.2010 im Rathaus in Stuttgart nach der Verkündung seines Schlichterspruchs eine Pressekonferenz. Heiner Geißler ist nach Angaben seines Sohnes Dominik tot.
Der Vermittler im Streit um das Bahnprojekt Stuttgart 21, Heiner Geißler, gibt am 30.11.2010 im Rathaus in Stuttgart nach der Verkündung seines Schlichterspruchs eine Pressekonferenz. Heiner Geißler ist nach Angaben seines Sohnes Dominik tot. FOTO: Marijan Murat (dpa)
Berlin. Laut, schräg, unbequem. Heiner Geißler war nicht der einzige große Ethiker in der Politik. Aber einer der letzten. Ein Nachruf. Werner Kolhoff

Regine Hildebrandt und Willy Brandt sind verstorben, Petra Kelly wurde ermordet. Erhard Eppler spricht nur noch selten, Norbert Blüm wird kaum mehr ernst genommen. Sie alle fehlen mit ihrer moralischen Rigorosität. In der ersten Reihe der Politik herrscht Pragmatismus. Es geht oft nicht anders. Dort verbiegt man sich um des lieben Friedens willen oder schaut weg, weil man die Dinge sowieso nicht ändern kann. Dort geht es um Machtsicherung. Wessen Herz zu groß ist, gilt als weich, und wer für Prinzipien Schlachten schlägt als Querulant. Einzig Klaus Töpfer spielt derzeit noch eine aktive Rolle. Immer wieder wird er bei großen Konfliktfragen als Vermittler angerufen. Er hat moralische Autorität. So wie Heiner Geißler sie hatte.

Auch Wolfgang Schäuble könnte man nennen, aber der ist zu sehr eingebunden in den politischen Alltag. Zur Lebensgeschichte aller großen Ethiker in der deutschen Politik gehört, dass sie auch mal eingebunden waren. Sonst hätten sie keine Bedeutung erlangen können und wären mit ihren Ansichten in literarischen oder philosophischen Zirkeln hängen geblieben. Bei fast allen hat es also große Brüche im Leben gegeben, die sie freilich erst als Kronzeugen des Guten glaubhaft gemacht haben. Vom Saulus zum Paulus. Für Heiner Geißler gilt das ganz besonders. Kaum einer hat so platt auf die Gegner gehauen, wie er zwischen 1977 und 1989 als CDU-Generalsekretär. Es gipfelte in dem den Grünen entgegen geschleuderten Satz: "Der Pazifismus der dreißiger Jahre hat Auschwitz erst möglich gemacht". Da war er der Kampfhund der CDU.

Kaum einer hat seine innere Wende so konsequent vollzogen. Gut, dass er irgendwann aufhörte mit diesem Generalsekretärs-Quatsch. Gut, dass die zweite Seite Überhand gewann, der Jesuitenschüler in ihm. Sein Gespür für Ungerechtigkeiten. Seine Aufmüpfigkeit. Ein Ex-CDU-Generalsekretär, der Mitglied der globalisierungskritischen Organisation Attac wird, das hatte es noch nicht gegeben. Auch keinen, der den Neoliberalismus so massiv geißelte. Wie Klaus Töpfer wurde auch Heiner Geißler häufig als Vermittler angerufen, zuletzt beim Bahnhofsprojekt Stuttgart 21.

Gemeinsam ist den drei CDU-Querulanten Geißler, Blüm und Töpfer, dass sie sich irgendwann von ihrem großen Mentor Helmut Kohl abwandten. Weil sie dessen Reformverweigerung nicht mehr mittragen wollten, weil sie dessen Hang zur parteipolitischen Polarisierung falsch fanden, weil sie, alle tief im Christlichen verwurzelt, eine von sozialethischen Vorstellungen geleitete Politik verlangten. Mensch geht vor Macht.

Heiner Geißler hat das die letzten 25 seiner 87 Lebensjahre mit großer Überzeugungskraft gelebt. "Wenn moderne Zeiten heißt, dass die Werte wie Schlamm auf den Straßen sind, die es wegzuspülen gilt, sind wir alle verloren", hat er 2010 in einem Essay geschrieben und gefragt: "Warum sind so wenige Künstler auch Politiker, warum sind so wenige Politiker Feingeister und wirkliche Humanisten? Warum sind die meisten angepasste Feiglinge?" Die Antwort ließ er offen.