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Deutschland und Russland

Moskau. Die Zeiten sind vorbei, als Russland Deutschland noch aufforderte, mehr mit seinem Pfunde zu wuchern. Wirtschaftlich stark, sollte sich die Bundesrepublik auch außenpolitisch stärker einbringen, war eine gängige Meinung in Moskau nach dem Ende der Sowjetunion. Klaus-Helge Donath

Verschiedene Motive standen dahinter: Russland strebte nach engerer Kooperation, ohne den Traum aufzugeben, Deutschland eines Tages aus dem transatlantischen Bündnis herauslösen zu können. War es Deutschland nicht immer gut gegangen, wenn es mit Moskau zusammenarbeitete? war eine dieser Standardformeln. Oder etwas anders verpackt: die Amerikaner halten Euch doch an der kurzen Leine.

Nach der Wiedervereinigung war Deutschland 20 Jahre lang Freund, Partner und nicht zu Letzt auch Fürsprecher und Anwalt Moskaus in Europa. Schnell schlüpfte es in seine alte Rolle als Modernisierer der russischen Wirtschaft zurück. Modernisierungspartnerschaft hieß das noch vor einigen Jahren.

Damit ist Schluss. Seit dem geplanten Assoziierungsabkommen mit der Ukraine 2013 wechselte Deutschland aus russischer Sicht wieder ins gegnerische Lager. Russland nahm die Übereinkunft als Eingriff in seine angestammte Interessenssphäre wahr.

Für die Proteste der Ukrainer auf dem Maidan und den Sturz Präsident Wiktor Janukowitschs machte der Kreml die USA und Berlin verantwortlich. Dass ein Volk ohne Anleitung von oben aufbegehrt, passt nicht ins russische Herrschaftsverständnis.

Die völkerrechtswidrige Annexion der Halbinsel Krim 2014 vertiefte die Gräben noch weiter. Deutschland sei undankbar, behauptete der Kreml. Die Angliederung der Krim sei nichts anderes als die Wiedervereinigung Deutschlands gewesen.

Nach dem getarnten russischen Überfall auf die Ostukraine und dem Abschuss des Malaysischen Fluges MH-17 über der Ukraine verhängte der Westen Sanktionen. Für Russlands Staatswirtschaft war das ein harter Schlag, den Bundeskanzlerin Angela Merkel federführend mit zu verantworten hatte.

Berlin übernahm erstmals eine Aufgabe, die Moskau lange Zeit eingefordert hatte. Nur war Russland der Adressat. Ausgerechnet der Kreml verhalf Deutschland, sich von der Rolle des "unwilligen Hegemons" in Europa zu lösen. Ansatzweise zumindest.

Seither avancierten Deutschland und Angela Merkel zu unverhohlenen Feindbildern. Russische Geheimdienste sind noch aktiver. Trollfabriken versuchten, die öffentliche Meinung in den sozialen Medien zu beherrschen. Der Kreml kurbelte auch die Zusammenarbeit mit linken und rechten Parteien und Gruppen in Deutschland an. Scheut sich auch nicht, Nazis vor seinen Karren zu spannen.

Deutschland wurde zum Schlachtfeld, auf dem Wladimir Putins und Moskaus Schicksal entschieden werden.

Nach dem Minsk-II-Abkommen, das zwischen den "Aufständischen" in der Ostukraine und der ukrainischen Armee einen Waffenstillstand aushandelte, erscheint Berlin

in staatsnahen russischen Medien nicht selten als Zuchtmeister Europas oder gar erbarmungsloser Kolonialherr in EU-Tracht. In der griechischen Schuldenkrise war dies besonders deutlich. Diese Sicht stieß indes nicht nur in Griechenland auf Zustimmung. Deutsche Dominanz und Rechthaberei wurden zu Recht kritisiert.

Kurzum: Deutschland wird als aggressive Macht porträtiert, die in angestammte Verhaltensweisen zurückfällt. Bewusst wird auf den Nationalsozialismus angespielt, um Ressentiments in Europa zu wecken.

Bislang ist dieses Konzept nicht aufgegangen. Der Versuch, Chaos zu stiften und die EU auseinander zu dividieren, dürfte die EU nach einer Schwächeperiode eher noch stärken.