Ansprüche haben viele Städte angemeldet: Augsburg, Bochum, Braunschweig, Bremen, Dessau, Essen, Frankfurt/Main, Görlitz, Hamburg, Karlsruhe, Köln, München, Münster, Potsdam und Stuttgart. Bis zum Anmeldeschluss am 31. März 2004 mögen weitere Bewerber dazukommen, andere abspringen. Auch der Stand der Bewerbung ist in den Städten höchst unterschiedlich: Während einige auf der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) Anfang des Monats in Berlin bereits offensiv mit ihrem Kandidatenstatus warben, müssen anderenorts erst noch die nötigen politischen Weichen gestellt werden.

Ab 2005 Rotationsprinzip
Die EU-Initiative der Kulturhauptstadt Europas wurde 1985 ins Leben gerufen. In den ersten Jahren ging der Titel in einem freien Bewerbungsverfahren an eine, später an mehrere Städte. Ab 2005 gilt nun ein Rotationsprinzip, in dem einzelne EU-Mitgliedstaaten für ein bestimmtes Jahr eine Kulturhauptstadt vorschlagen können.
Deutschland ist im Jahr 2010 an der Reihe. Bewerbungen müssen zunächst den Kultusministerien der Länder vorgelegt und dann an das Auswärtige Amt weitergeleitet werden. Der Sieger wird dann zwischen Auswärtigem Amt, Bundesrat und Kultusministerkonferenz ausgehandelt, wobei die endgültige Entscheidung den Gremien der Europäischen Union obliegt.
Am weitesten lehnt sich mit seiner Bewerbung ausgerechnet der bislang kleinste Kandidat aus dem Fenster: die Stadt Görlitz an der deutsch-polnischen Grenze. "Wir mögen die Geschichte von David und Goliath", wird der hoffnungslos erscheinende Wettbewerb in einem Prospekt kommentiert. Schon auf der vorigen ITB wies das schmucke sächsiche Städtchen in Logos auf seine ehrgeizigen Pläne hin, neuerdings gibt es auch eine Image-Broschüre und einen Aufkleber. Zudem wurde auf der diesjährigen ITB der neue Geschäftsführer des Kulturhauptstadt-Büros der Öffentlichkeit präsentiert.

Görlitz mit im Rennen
Görlitz war nach eigenen Angaben die erste Stadt, die einen förmlichen Stadtratsbeschluss über die Bewerbung vorweisen konnte. Auch mit ihrem neuen Büro, das nun detaillierte Konzepte erarbeiten soll, wähnen sich die Lausitzer ganz vorne. Zum Trumpf soll die Grenzlage des nach dem Krieg geteilten Städtchens werden: Die polnische Stadthälfte namens Zgorzelec soll sich an den Veranstaltungen des Kulturstadtjahres beteiligen - als "Modellfall für das europäische Zusammenwachsen", wie es in Görlitz heißt.
Tatsächlich könnte dieser Brückenschlag zum wichtigen Argument bei der Titelvergabe werden, denn unter normalen Umständen hätten die EU-Beitrittsländer erst nach 2019 eine Chance, eine Kulturhauptstadt zu stellen. Aus ähnlichen Motiven plant Bremen die Einbeziehung seiner lettischen Partnerstadt Riga. Karlsruhe sucht sich seine Verstärkung dagegen im Westen: Zusammen mit Straßburg soll ein deutsch-französisches Dreamteam gebildet werden.
Alle Kandidaten in den neuen Ländern verweisen darauf, dass der Kulturstadt-Titel für sie zum wichtigen Motor der Stadtentwicklung werden könnte. So will man in Potsdam bis 2010 das Stadtschloss wiedererrichten. "Städte im Westen wie Augsburg haben schon alles, was wir noch brauchen", sagt Peter Baumgardt, Leiter des Görlitzer Kulturstadt-Büros. In dieser Spitze deutet sich schon an, was der Augsburger Verkehrsdirektor Götz Beck vom ganzen Bewerbungsverfahren erwartet: "Das wird natürlich ein Hauen und Stechen." Die Fugger-Stadt Augsburg gibt ihren Kandidatenstatus einstweilen nur in Form von Prospektaufdrucken zu erkennen und ist damit doch den meisten Konkurrenten voraus. Derzeit wird laut Beck an einem speziellen Internet-Auftritt gearbeitet.

Kassel rührt Werbetrommel
Vergleichsweise heftig wird die Werbetrommel auch in Kassel gerührt. Schon sieht sich die Stadt "auf dem Weg zur Kulturhauptstadt Europas", wie es in Presseerklärungen heißt. Verwiesen wird unter anderem auf die Karlsaue mit der Orangerie, die im Jahr 2010 ihren 300. Geburtstag feiert. Auch eine Website unter www.kassel2010.de wurde bereits eingerichtet.
Erst in den Anfangsstadien dagegen befindet sich die Bewerbung in Braunschweig. Die Verzögerung geht nach Angaben von Helmut Reilemann, Geschäftsführer des Städtischen Verkehrsvereins, auf die Entscheidung zurück, Nachbarn wie Wolfsburg, Salzgitter, Wolfenbüttel oder Goslar mit ins Boot zu holen. Verbünde bilden wollen auch das Ruhrgebiet rund um Essen und Bochum, das Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt als Zentrum sowie die beiden Städte Dessau und Wittenberg.
Der Eifer so mancher Bewerbung hängt aber von einer ganz anderen Wahl ab: Im April wird der deutsche Bewerber für die Olympischen Spiele 2012 gekürt. Einige der Kandidaten tanzen auch noch auf dieser Hochzeit. Im Fall eines Scheiterns dürften sie ihre Kulturhauptstadt-Ambitionen verdoppeln.