Der Lokführerstreik hat den Zugverkehr am Donnerstag bundesweit hart getroffen. Der Deutschen Bahn gelang es aber immerhin, rund ein Drittel der Züge fahren zu lassen. Für den Notverkehr galten Ersatzfahrpläne. Viele Fahrgäste stiegen aber auf andere Verkehrsmittel um. Deshalb war die Situation auf den großen Bahnhöfen entspannt.

Der viertägige Rekordstreik hatte am Mittwoch im Güterverkehr begonnen. Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) dehnte ihn am Donnerstag um zwei Uhr morgens auf den Personenverkehr aus. Fahrgäste müssten sich zwar auf Ausfälle und Verspätungen einstellen, hieß es bei der Bahn. Sie könnten aber trotzdem relativ verlässlich planen. Größere Einschränkungen als im Fernverkehr, wo noch etwa jeder dritte Zug fuhr, gab es teils bei den Regional- und S-Bahnen. In einigen Regionen fielen laut Bahn drei von vier Zügen aus. In anderen konnten nach Angaben des Unternehmens 40 Prozent regulär fahren.

Überfüllte U-Bahnen, verwaiste Bahngleise - der Lokführerstreik hat auch in Brandenburg und Berlin viele Reisende stranden lassen. Nur etwa jeder fünfte Regionalzug sei gefahren, sagte ein Bahnsprecher. Bei der Berliner S-Bahn sah es etwas besser aus: Hier war jeder dritte Zug unterwegs. Die Notfahrpläne hätten recht gut gehalten, sagte der Sprecher. Im Berufsverkehr waren nach Angaben der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) etwa 60 bis 70 Prozent mehr Fahrgäste in U-Bahnen, Straßenbahnen und Bussen unterwegs als an normalen Werktagen.

Auf den Straßen Berlins bildeten sich Staus vor allem am Stadtrand und auf einigen Zubringerstraßen. Der Automobilclub ADAC erwartet für Sonntagnachmittag zum Höhepunkt des 25. Mauerfall-Jubiläums in und um Berlin eine "dramatische Verkehrslage". Dann sollten Autofahrer auf keinen Fall in die Innenstadt fahren.

Nicht betroffen vom Streik waren die drei Bahn-Wettbewerber, die vor allem in Brandenburg unterwegs sind. Die Ostdeutsche Eisenbahn (ODEG), die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB) und die Eisenbahngesellschaft Potsdam (EGP) fuhren auf ihren Linien nach Plan, wie der Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg (VBB) berichtete.

Am Wochenende wird es auch für Fußballfans schwieriger, zu den Spielen ihrer Teams zu kommen. Das Bündnis "Pro Fans" erwartet aber keine leeren Gäste ränge in den Bundesliga-Stadien. "Fußballfans sind sehr erfinderisch", sagte Sprecher Sig Zelt. Einige versuchten nun, Mitfahrgelegenheiten zu bilden oder ein größeres Auto zu mieten.

Die Bahn entschied sich dafür, juristisch gegen den Streik vorzugehen. Sie beantragte beim Arbeitsgericht Frankfurt/Main eine einstweilige Verfügung. Das Gericht wollte in dem Eilverfahren über die Rechtmäßigkeit des Ausstands entscheiden. Mit Blick auf frühere Entscheidungen stufte die Bahn die Erfolgaussichten selbst jedoch als eher gering ein.

Die Versorgung mit Benzin und Diesel soll auch während des Lokführerstreiks sichergestellt werden. "Die Belieferung der Tankstellen mit Kraftstoffen stellt auf jeden Fall eine logistische Herausforderung für unsere Unternehmen dar", sagte ein Sprecher des Mineralölwirtschaftsverbandes in Berlin. Bislang sei es jedoch noch nicht zu Engpässen gekommen. Benzin und Diesel werden von den wenigen Raffinerien per Bahn zu Tanklagern gebracht. Von dort aus geht es per Lastwagen auf der Straße weiter zu den Tankstellen.

Die Bahn hatte am Mittwoch noch versucht, den Streik mit dem Angebot einer Schlichtung abzuwenden. Dieses Angebot habe die GDL "offenbar ohne ernsthafte Prüfung abgelehnt", kritisierte die Bahn am Donnerstag. Sie zweifelt an der Verhältnismäßigkeit des GDL-Streiks.

Aus Sicht ihrer Konkurrenten trägt die Deutsche Bahn AG eine Mitschuld an der verfahrenen Lage. Bei Wettbewerbern seien parallele Tarifverträge eher die Regel denn die Ausnahme, sagte Engelbert Recker, Hauptgeschäftsführer des Nahverkehrs-Branchenverbands Mofair. "Das ist nur eine Frage der betrieblichen Organisation."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) befürchtet einen Imageschaden für andere Gewerkschaften. "Ich bedauere es sehr, dass Herr Weselsky das Angebot auf eine Schlichtung nicht angenommen hat", sagte der DGB-Vorsitzende Reiner Hoffmann über den GDL-Chef.

Zum Thema:
Eine einstweilige Verfügung ist eine vorläufige gerichtliche Entscheidung, die bei Bedarf besonderer Eile erlassen wird. Voraussetzung dafür ist, dass sie etwa zur Abwendung schwerer Nachteile nötig ist, die der Antragsteller erwartet. Der Antragsteller muss seine Forderung zunächst "glaubhaft" machen. Damit ist noch nicht der volle gerichtliche "Beweis" gemeint. Er muss jedoch nachvollziehbar darlegen, dass seine Behauptungen zutreffen - beispielsweise mit einer eidesstattlichen Versicherung. Hält das Gericht seine Version für plausibel und seinen Anspruch nach einer Schnellprüfung für juristisch begründet, dann erlässt es eine einstweilige Verfügung.