Wie schlau sind Deutschlands Erwachsene? Lesen, Rechnen, mit Computern umgehen, im internationalen Vergleich sind die 16- bis 65-Jährigen nicht klüger als andere, sondern nur Mittelmaß. Das ist das Ergebnis der ersten Pisa-Studie für Erwachsene, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag in Berlin vorgestellt hat. 166 000 Bürger in 24 Ländern wurden dafür getestet, in Deutschland nahmen 5465 Personen teil.

Was wurde geprüft?
Alltagsfähigkeiten. So mussten die Teilnehmer Texte verstehen und Informationen erkennen - zum Beispiel aus einem Medikamentenbeipackzettel oder einem kurzen Zeitungsartikel. Zudem mussten Preisnachlässe bei Sonderangeboten überschlagen oder Grafiken über unterschiedliche Geburtenraten verstanden werden. Und es gab Aufgaben wie das Sortieren und Versenden von E-Mails, die Bearbeitung von Formularen oder das Umrechnen einer Temperatur von Celsius in Fahrenheit.

Wie gut können die Erwachsenen mit Texten umgehen?
Beim Verstehen und Interpretieren von Texten erreichen sie leicht unterdurchschnittliche Werte und landen auf Platz 15 von 23. Die höchsten Kompetenzstufen (vier und fünf) erzielen 10,7 Prozent der Testpersonen, das ist geringer als der OECD-Durchschnitt. Auf Stufe eins oder noch niedriger landen 17,5 Prozent. Diese Stufe entspricht dem Niveau eines Zehnjährigen, die Befragten können also nur kurze Texte mit einfachen Wörtern lesen und ihnen stark begrenzt Informationen entnehmen. Das beste Leseverständnis haben die Menschen in Japan und Finnland. Auf den letzten Plätzen rangieren Spanien und Italien.

Welche Rechenkompetenz haben die Deutschen?
Da liegen sie etwas besser als die Menschen in anderen Ländern: 14,2 Prozent erreichen in Deutschland die Stufen vier und fünf, der OECD-Durchschnitt liegt bei 12,5 Prozent. Fast jeder Fünfte (18,5 Prozent) rangiert aber auf absolut niedrigem Niveau (Stufe eins). Das bedeutet, über einfaches Zählen und die Grundrechenarten kommt diese Gruppe nicht hinaus. Die besten Ergebnisse erzielen erneut Japan und Finnland, im Schnitt beträgt der Vorsprung dort gegenüber den Deutschen vier bis fünf Schuljahre. Italien und Spanien wurden wieder Letzte.

Fällt der Umgang mit dem Computer leicht oder schwer?
Eher schwer. Viele haben nur geringe Kompetenz, wenn es darum geht, mit dem Computer zu arbeiten. So scheitern allein 12,6 Prozent an der Nutzung der Maus. Lediglich ein Drittel (36 Prozent) schafft komplexere Aufgaben, wie das Navigieren über Webseiten.

Wer ist geistig fitter - die Älteren oder die Jüngeren?
Eindeutig die jüngeren Erwachsenen. Die besten Leistungen verzeichnen die 25- bis 34-Jährigen. Die schlechtesten Ergebnisse erzielen die 55- bis 64-Jährigen. Wie in anderen Ländern auch. Seitens der Bundesregierung hieß es, die erhöhten Investitionen der vergangenen Jahre in Bildung würden wirken.

Was belegt der Test noch?
Wieder wird aus Sicht der OECD deutlich, dass der Bildungserfolg in Deutschland vor allem von der sozialen Herkunft abhängt. Außerdem gebe es einen "starken Zusammenhang" zwischen den grundlegenden Kompetenzen und der Teilnahme am Arbeitsmarkt. Je höher die Lese- und Mathefähigkeiten, desto höher sei auch das Einkommen.

OECD-Bildungsforscher haben einen riesigen Aufgabenpool entwickelt, um die Grundkompetenzen von 16- bis 65-Jährigen zu testen. Für die Kerndisziplinen "Lesen und Textverständnis", "alltagsmathematische Grundkenntnisse" und "Problemlösen mit Hilfe des Computers" gibt es Aufgaben in verschiedenen Niveaustufen. Der komplette Pool wird zum Selbsttest erst ab Frühjahr 2014 im Internet verfügbar sein. Einige Beispielaufgaben:

Lesen/Textverständnis: Gezeigt wird auf dem Computer die Hausordnung eines Kindergartens. Regel Nummer eins lautet, dass die Kinder bis 10 Uhr zu bringen sind. Dann folgen acht weitere Vorschriften. Zum Schluss wird gefragt: Bis wann sind die Kinder morgens zu bringen? Ein Zurückklicken auf die erste Regel ist möglich. (Niveau: mittel bis leicht.)

Mathematik: Ein Thermometer zeigt die Temperatur sowohl in Grad Celsius als auch in Fahrenheit an. Der Betrachter wird zunächst gefragt, wie viel Grad in Fahrenheit auf dem Thermometer abzulesen sind. Niveau: Mittel. Anschließend folgen Umrechnungsfragen von Fahrenheit in Celsius (Niveau: höher). Oder: "Im Jahr 2005 legte die schwedische Regierung den letzten Atomreaktor (. . .) still. Der Reaktor erzeugte pro Jahr eine durchschnittliche Energiemenge von 3572 GWh elektrischer Energie. In Schweden werden weiterhin Windparks mit Windkraftanlagen im Meer errichtet. Jede Windkraftanlage erzeugt rund 6000 MWh elektrische Energie pro Jahr. Wie viele Windkraftanlagen werden gebraucht, um den vom Atomreaktor erzeugten Strom zu ersetzen?" Zur Hilfe wurden der Aufgabe Umrechnungsdaten angefügt. (Niveau: eher schwierig).

Computer/Internet: Neben einfachen Grundkenntnissen wie dem Einordnen von E-Mails in verschiedene Postfächer oder der Benutzung von Hilfsmitteln (Maus) wurde das Navigieren über Webseiten und eigenständiges Problemlösen und Recherchieren getestet. Beispiel: Auf der Internetseite einer Bücherei ein Buch finden, das darauf hinweist, dass Behauptungen für und gegen gentechnisch veränderte Lebensmittel häufig gleichermaßen unzuverlässig sind. (Niveau: eher schwer). Oder: "Sie suchen einen Job und haben dazu fünf Internetseiten gefunden. Sie möchten eine Seite nutzen, bei der Sie sich nicht anmelden und auch keine Gebühren zahlen müssen. Speichern Sie alle Seiten als Lesezeichen, die ihre Anforderungen erfüllen." (Niveau: eher schwierig).