Auch Sander lebt, wie fast alle westlichen Ausländer in Saudi-Arabien, in einem der so genannten Compounds. Das sind Ansammlungen von Appartementhäusern, Bungalows oder Villen, die nach Außen durch eine Mauer geschützt sind. Hier können die Ausländer ein bisschen so leben wie in der Heimat. Die Frauen, die in der Öffentlichkeit in Saudi-Arabien Kopftuch und ein bodenlanges schwarzes Gewand tragen müssen, können unbehelligt im Badeanzug am Schwimmbecken liegen. In den Compounds, die mit ihren begrünten Flächen und Freizeitanlagen ein wenig an Feriendörfer erinnern, fühlten sich die Ausländer bisher immer sicher. Während des Irak-Krieges verließen viele diese von Wachleuten geschützten Siedlungen nur, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu gehen.
Nach den Anschlägen vom Montag wurden die Einkaufs-Bustouren für Ehefrauen aus Sicherheitsgründen gestrichen. Vor den Eingangstoren installierte die Verwaltung zusätzliche Sperren. Polizisten patrouillieren inzwischen verstärkt rund um die Ausländer-Siedlungen.
„Damals im Irak-Krieg war es die Angst vor einem diffusen Terror, vor einem einzelnen Schützen, der einen Westler an der Ampel erschießt“ , sagt Sander. Er selbst hat vorerst keine Ausreisepläne. Doch in vielen deutschen Familien und Firmen wird seit den Selbstmordattentaten vom Montag intensiv darüber diskutiert, ob man denn noch bleiben soll.
„Die Stimmung ist miserabel“ , meint Michael Bitzer (41), der für eine Krankenversicherung in der saudischen Hafenstadt Dschidda arbeitet, „Die Menschen sind wie gelähmt, denn mit so einem massiven Anschlag hatte keiner gerechnet.“ Noch sei niemand spontan abgereist, „aber alle sagen, wir denken schon darüber nach und müssen die Situation jetzt erst einmal neu bewerten“ . In Dschidda, das als weltoffener geht als die Hauptstadt Riad, fühlen sich die Ausländer seiner Ansicht nach derzeit noch sicherer. „Sollte hier morgen eine Autobombe losgehen, dann begänne der große Exodus“ , meint er.
Doch die Entscheidung, einen gut bezahlten Job in Saudi-Arabien aufzugeben und möglicherweise nach Deutschland in die Arbeitslosigkeit zu reisen, sei nicht einfach, gibt Bitzer zu bedenken: „Der Großteil der Deutschen und auch der Amerikaner ist hier mit lokalen Verträgen angestellt. Das heißt, zu Hause wartet kein Arbeitsplatz auf sie.“
Die Nervosität ist groß. Die deutsche Schule in Riad hatte gestern wie alle großen westlichen Schulen „wegen der Ereignisse“ geschlossen. „Selbst wenn man nicht aus Angst ausreist, so muss man sich doch fragen, unter was für Lebensbedingungen man hier künftig noch als Deutscher leben kann“ , meint der Vater einer Schülerin nachdenklich.