Die Bundesregierung war letztes Jahr nämlich selbst massiv unter Druck geraten wegen ihres miserablen Umgangs mit dem erfolglosen Telekom-Boss Ron Sommer. Im Fall Mehdorn sollte sich dies nicht wiederholen – statt ihn infrage zu stellen, wurde dessen Vertrag gestern über das Jahr 2004 hinaus vorzeitig verlängert. Gefeuert wurden hingegen vom Aufsichtsrat des bundeseigenen Unternehmens zwei Spitzenmanager. Flucht nach vorn nennt man das.

Verantwortlich für Tarifsystem
Der für den Personenverkehr zuständige Bahnvorstand Christoph Franz und der Marketing-Vorstand Hans Gustav Koch müssen ihre Schreibtische räumen. Die beiden zeichnen verantwortlich für das Mitte Dezember 2002 mit viel Tam Tam eingeführte Preissystem, das bei den Eisenbahnern selbst inzwischen als Misserfolg angesehen wird.
Lange hatte sich Konzernboss Mehdorn gegen diese Einschätzung gewehrt, die Proteste von Verbraucherverbänden, Bahnexperten und den Kunden mit Ausnahme von ein paar Schönheitskorrekturen barsch weggewischt. Inzwischen hat auch der drahtige und hemdsärmelige Freund von Kanzler Gerhard Schröder eingesehen, dass die Tarifneuerung mit ihrem komplizierten und unflexiblen Rabattsystem zum klassischen Flop geworden ist.
In den ersten Monaten des laufenden Jahres ist das Unternehmen nämlich tief in die roten Zahlen gerutscht, vor allem wegen des Umsatzeinbruchs im Fernverkehr – die Fahrgastzahlen sind rapide gesunken. Ergebnis: Im gesamten Jahr 2003 hatte die Bahn eigentlich den Verlust auf 200 Millionen Euro begrenzen wollen, von Januar bis Ende März weist der Konzern jedoch schon ein Minus von insgesamt 185 Millionen Euro aus. Eine katastrophale Bilanz. Der von Mehdorn so energisch ins Visier genommene Börsengang Ende 2004 mit einer dann profitablen Bahn ist nun wohl nur noch Wunschdenken.
Die Bahn musste deswegen gestern die Notbremse ziehen. Mehdorn kündigte eine „kundenfreundliche Überprüfung“ der Tarife an, als Sofortmaßnahme soll die Umtauschgebühr bei Frühbuchertickets gesenkt werden. Aber auch die Politik – die mit vier Staatssekretären im Aufsichtsrat des Unternehmens vertreten ist – hat ihren Druck auf den 60-jährigen Spitzenmanager erhöht. Galt bislang die Losung des Verkehrsministeriums, „das Tarifsystem ist operatives Geschäft, wir geben dem Bahnvorstand keine Anweisungen“ , wurde Verkehrsminister Manfred Stolpe gestern deutlich: Das Unternehmen habe sich verkalkuliert. Er gehe davon aus, dass das Preissystem umgestaltet und kundenfreundlicher werde, schrieb der dem Manager ins Stammbuch. Eigentlich wollte die Bahn einen für Dezmeber geplanten ausführlichen „Lagebericht“ zu den neuen Preise abwarten – nun soll schnell umfassend gehandelt werden.
Mehdorn selbst ist nach Ansicht von Stolpe allerdings nach wie vor „der richtige Mann am richtigen Platz“ . Aus Regierungskreisen heißt es, zu dem elanvollen und manchmal ruppigen Berliner gebe es nicht nur keine personelle Alternative. Man habe sogar ein großes Interesse daran, ihn im Amt zu belassen.
Denn ansonsten müssten mit einem anderen Vorstandschef alle Projekte im Zuge der Bahnreform und der Umsetzung des Ziels, mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, noch einmal neu verhandelt werden. Außerdem halte der Kanzler nun einmal seine Hand über Mehdorn – „die sind schließlich vom selben Schlag“ .

Zum Kommentar:

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