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Deutsch wird zur Exotensprache

Paris. Die Reform der Mittelschule in Frankreich trifft vor allem den Deutschunterricht. Langfristig drohen auch Errungenschaften der deutsch-französischen Freundschaft wie der Schüleraustausch verloren zu gehen. Christine Longin

"Volkswagen - das Auto" wirbt VW im französischen Fernsehen auf Deutsch für seine Fahrzeuge. In ein paar Jahren dürfte allerdings kaum ein Zuschauer noch verstehen, was da erzählt wird, denn die Reform der Mittelschule könnte dem Deutschunterricht in Frankreich praktisch den Todesstoß verleihen. "Die Reform tötet das Deutsche", war vergangene Woche auf Spruchbändern von Lehrern zu lesen, die gegen die Pläne von Bildungsministerin Najat Vallaud-Belkacem auf die Straße gingen. Deren Projekt sieht vor, schon ab dem nächsten Jahr die attraktiven Zwei-Sprachen-Klassen abzuschaffen, in denen ab der 6. Klasse vor allem Deutsch und Englisch vier Jahre lang zweigleisig unterrichtet werden. Außerdem will die junge Ministerin die sprachorientierten Europaklassen streichen.

"Die Reform der Mittelschule opfert den Deutsch-Unterricht", kritisiert der Abgeordnete Pierre-Yves Le Borgn', ein Sozialist wie Vallaud-Belkacem. Doch als Vorsitzender der deutsch-französischen Freundschaftsgruppe in der Nationalversammlung sieht er es als seine Pflicht an, sich gegen die Pläne der Parteifreundin zu wehren. "Die Grundlagen der deutsch-französischen Freundschaft brechen teilweise weg", sagt er zur Begründung im Gespräch mit dieser Zeitung. Schon der Elysée-Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich 1963 erkannte die Bedeutung des Sprachunterrichts und setzte sich zum Ziel, mehr Schülern die Sprache des Nachbarlandes nahezubringen. Errungenschaften wie das Doppelabitur AbiBac drohen mit der Reform nun verloren zu gehen.

Spanisch im Vorteil

Nach einem Einbruch der Schülerzahlen Ende der 90er Jahre hat sich der Anteil der Deutsch-Schüler in Frankreich derzeit bei rund 15 Prozent stabilisiert. Grund dafür war gerade der Zwei-Sprachen-Unterricht, der 2003 eingeführt wurden, und im Schuljahr 2013-2014 immerhin in 3850 Klassen unterrichtet wurde. In Kombination mit den Europaklassen konnten es die Schüler ab der sechsten Klasse damit nach und nach auf fünf Stunden Deutsch pro Woche bringen - so viel wie in Deutschland am Anfang für die zweite Fremdsprache.

Doch wenn die "classes bilangues" nun wegfallen, lernen die französischen Schüler ab der 7. Klasse nur noch zweieinhalb Stunden pro Woche eine zweite Fremdsprache. Die Wahl dürfte da oft auf das für Franzosen einfachere Spanisch fallen, denn Englisch ist in gut 90 Prozent der Fälle die erste Fremdsprache. "Deutsch wird ein Orchideenfach mit einem Anteil von fünf Prozent werden", sagt der Leiter des Goethe-Instituts in Paris, Joachim Umlauf, voraus. "Das ist eine echte Katastrophe".

Deutsch auf dem Arbeitsmarkt gefragt

"Wenn nichts unternommen wird, gibt es im besten Fall 40.000 Schüler, die zum Schuljahresbeginn 2016 Deutsch in der sechsten Klasse lernen, gegenüber derzeit 100.000", kritisiert der Verein zur Förderung der deutschen Sprache in Frankreich, ADEAF. Mehr als 23.000 Unterschriften hat seine Petition gegen das Verschwinden des Deutschunterrichts in Frankreich bereits bekommen. "In Frankreich fehlen Deutschsprachige und Deutsch ist ein Trumpf bei der Suche nach Arbeit", heißt es darin. Schließlich ist Deutschland für Frankreich der mit Abstand wichtigste Handelspartner. Darauf verweist auch die deutsch-französische Industrie- und Handelskammer, die den Protest des ADEAF unterstützt.

Vallaud-Belkacem hatte die Reform des "collège", das von der sechsten bis zur neunten Klasse geht, in die Wege geleitet, um die Chancengleichheit in der Mittelschule zu erhöhen. Deutsch, das in Frankreich als Elitesprache gilt, hatte da wenig zu suchen. "Doch man regelt das Problem nicht, indem man eine Anpassung nach unten vornimmt", kritisiert der Redaktionsleiter der Wirtschaftszeitung "Les Echos", Nicolas Barré, im Radiosender Europe 1. Vallaud-Belkacem solle sich lieber ein Beispiel am Saarland nehmen, wo geplant ist, flächendeckend ab der ersten Klasse Französisch zu unterrichten.

Für einen Austausch im Nachbarland werden die kleinen Saarländer dann allerdings wohl niemanden mehr finden. Denn mit der Reform wird auch der Schüleraustausch in Frage gestellt. Wenn die Stundenzahl in Deutsch drastisch verringert wird, müssen Lehrer in Frankreich an bis zu drei Schulen gleichzeitig unterrichten, um auf ihr Soll zu kommen. Schülerreisen ins Nachbarland sind dann wohl nicht mehr zu organisieren. "Meine Schüler müssen dann zu Hause bleiben", beklagt eine Lehrerin stellvertretend für viele andere.