Die Entscheidung fällt in Sekundenschnelle. Wenn Polizeihauptmeister Tony Papke mit seinen Kollegen an und auf der Autobahn von Prag nach Dresden auf Streife ist, muss er spontan festlegen, welches Fahrzeug er bei einer Kontrolle unter die Lupe nehmen will. Die Frage nach den Kriterien für die Auswahl rasselt der Bundespolizist schnell herunter: "Kennzeichen, Herkunft, Insassen, Kleidung, Körperhaltung."

Allein wenn Autos voll besetzt sind, geht bei Papke eine Warnlampe an. Bei Verdacht setzt er sich mit seinem Dienstwagen hinter das betreffende Fahrzeug. Auf einem Parkplatz am früheren Grenzübergang Breitenau verschafft er sich dann Klarheit.

Wer jahrelange Erfahrung hat, entwickle ein Bauchgefühl, sagt eine Kollegin Papkes, die namentlich nicht genannt werden will. Die Arbeit bei der Bundespolizei ist nicht ohne Risiko - die Kollegen sind mit Schusswesten auf Streife. Rund 10 000 Fahrzeuge passieren die Grenze jeden Tag in beiden Richtungen, nur 1,5 Prozent davon kontrolliert die Bundespolizei im Schnitt.

Wie viel kriminelle Energie auf der Piste unterwegs ist, kann man nur erahnen. Allein am vergangenen Wochenende hatten die Beamten in Breitenau 22 "Fahndungstreffer" - für den stellvertretenden Dienststellenleiter Sven Jendrossek Durchschnitt.

Am Montag ist mehr Betrieb als sonst auf den Parkplätzen zu beiden Seiten der Autobahn in Breitenau. Die Bundespolizei hat eine ihrer "Schwerpunktkontrollen" angesetzt und dafür zusätzliches Personal aus anderen Dienststellen angefordert. Aus Berlin schwebt Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mit dem Hubschrauber ein, um sich einen Überblick über die Kriminalitätslage im Grenzgebiet zu verschaffen.

Das Schengen-System erlaubt keine ständigen Kontrollen. "Das ist auch richtig so", sagt der Minister. "Aber eine stichprobenartige Kontrolle ist sinnvoll, sie sollte von allen Staaten auch weiterhin gemacht werden." Im Sprachgebrauch der Bundespolizei befindet sich Breitenau in der Sächsischen Schweiz an einem paneuropäischen Verkehrskorridor, der von Istanbul bis nach Berlin führt. Auf der sogenannten Balkanroute versuchen viele Ausländer die illegale Einreise nach Deutschland. Wer Breitenau passiert, kann 20 Minuten später in die Anonymität der Großstadt Dresden abtauchen.

De Maizière zufolge ist vor allem die Anzahl illegaler Einreisen von Serben gestiegen. "Die Zahlen sind explodiert, als die Visumfreiheit eingeführt wurde. Das spricht dafür, dass unter dem Deckmantel der Visumfreiheit unberechtigte Asylanträge gestellt werden. Das wollen wir in Zukunft verhindern." Auch mit Autodieben, Drogenschmugglern und Kriminellen anderer Kaliber hat die Bundespolizei in Breitenau zu tun. Unlängst wurden Männer aufgegriffen, die als Dschihadisten in den Heiligen Krieg ziehen wollten. Rund um Silvester steigen dann wieder die Zahlen bei Verstößen gegen das Sprengstoffgesetz an: "Kugelbomben", die in Tschechien legal erworben werden können, besitzen laut Jendrossek die zwölffache Sprengkraft der stärksten in Deutschland erlaubten Böller.

"Freier Grenzverkehr ist für uns ein hohes Gut, wir wollen daran festhalten. Aber er darf nicht missbraucht werden, um Kriminalität zu begehen", sagt de Maizière.

Zum Thema:
Deutschland und Tschechien bündeln ihre Kräfte im Kampf gegen Grenzkriminalität. Ein entsprechendes Polizeiabkommen zwischen beiden Ländern ist nun unterschriftsreif. "Wir sind in allen Fragen jetzt einig", sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Montag bei einem Besuch der Bundespolizei in Breitenau. Der Vertrag regelt unter anderem gemeinsame Streifen von Polizisten beider Länder und deren Befugnisse auf dem jeweils anderen Staatsgebiet Das Abkommen soll 2015 unterschrieben werden.