Wenn die Blondine auf ihrem kleinen Anlegesteg an der idyllischen Warthe im polnischen Grenzland prüfend von einem Freizeitschiff zum anderen geht, kann sie manchmal nur den Kopf schütteln. "Die Leute haben häufig nicht abgeschlossen und ich muss sie ermahnen."

Touristen treffen sich
Während die 54-Jährige ihren Kontrollgang macht, sitzen die Bootsinsassen gemütlich in Andrzejewskis Café "Kanapee". Denn das Gartenlokal unter dem roten Sonnendach ist ein ganz besonderes Ausflugsziel. Hier treffen sich Bootstouristen aus Holland, Deutschland, Belgien oder sogar Japan mit Einheimischen aus der polnischen Grenzstadt Kostrzyn und vom Brandenburger Oderufer. Gibt es hier, unweit der Mündung der Warthe in die Oder, doch ansonsten weit und breit keine Anlegemöglichkeit für Freizeitschiffer. "Wir sind quasi das Tor nach Osten - zumindest auf dem Wasserweg", sagt Gastwirtin Brigitte.
Auch wenn es der Name verspricht, findet sich im "Kanapee" kein gepolstertes Sofa. "Auf einem Kanapee in meiner Heimatstadt Wuppertal haben wir uns vor 20 Jahren kennen gelernt", erklärt die Deutsche mit Blick auf ihren polnischen Ehemann Andrzej. Gemeinsam haben die beiden nach der Wende in Kostrzyn neu angefangen - Veterinärmediziner Andrzej mit einer eigenen Tierarzt-Praxis, Sprechstundenhilfe Brigitte mit dem wohl kurzweiligsten Warteraum dazu. Gemütlich und familiär ist ihr Café "Kanapee" auch ohne Sofa. Das liegt vor allem an der ungezwungenen Atmosphäre, den moderaten Preisen, Brigittes selbstgemachtem Obstkuchen und dem liebevollen "Rundum-Service".

Jede Menge Tipps
Im "Kanapee" können Bootsgäste für acht Euro pro Tag nicht nur duschen, Wäsche waschen, zelten oder den Stromanschluss nutzen. Sie bekommen auch jede Menge Tipps sowie Infomaterial zum Wasserwandern auf unbekanntem Terrain. Schließlich gelangt man von Kostrzyn aus über die Warthe und Kanäle bis zur Weichsel und nach Warschau. "Polen entdecken allerdings erst jetzt so richtig den Urlaub auf dem Wasser", sagt Tierarzt Andrzej. Für dessen Landsleute entwickelt Brigitte jetzt einen ebenso umfassenden Infoservice für Bootstouren gen Westen. Auch da kann sie sich auf ihre Stammgäste verlassen, die ihr regelmäßig Wasserwanderkarten, Flyer und Prospekte aus Deutschland mitbringen.
Vorbehalte gibt es laut den Beobachtungen der Andrzejewskis von keiner Seite. Wohl auch deshalb, weil sich anfängliche Befürchtungen über einen sprunghaften Anstieg der Grenzkriminalität nach dem Wegfall der Kontrollen an den Übergängen nicht bestätigt haben, glaubt Andrzej, der seit dem verstärkt auch im Oderbruch unterwegs ist. "Auf der deutschen Oderseite gibt es immer weniger Tierärzte und ich bin im Ernstfall schneller dort, als ein Kollege aus Seelow", beschreibt der 58-Jährige, der sich noch gut an den komplizierten Transfer vor dem Wegfall der Grenzkontrollen erinnern kann. "Da gab es am Grenzübergang immer wieder Theater wegen des Inhalts meiner Arzttasche."
Nun sei alles viel unkomplizierter, so dass auch verstärkt deutsche Grenzbewohner zum Kaffeetrinken oder für einen gemütlichen Bierabend ins "Kanapee" kommen. "Allerdings nicht etwa, um Geld zu sparen", stellt Brigitte klar, "die Preise in Deutschland und Polen haben sich inzwischen angeglichen".

Zwei dicke Gästebücher
Im "Kanapee" gibt es sogar einen "Stammtisch", wie er in deutschen Eck- und Dorfkneipen typisch ist. Stammgäste aus Berlin, dem Ruhrgebiet oder Niedersachsen haben die Andrzejewskis seit Jahren, wie Einträge in zwei dicken Gästebüchern beweisen. Polen kannten diese Stammtischmentalität bisher nicht. Inzwischen aber würden auch sie gern an den "Kanapee"-Stammtisch rücken, immer öfter gebe es dort jetzt eine binationale Runde. "Wir kommen hier kaum mal raus, lernen aber trotzdem eine Menge Leute kennen", freuen sich die Andrzejewskis.