Als vor 25 Jahren über die deutsche Einheit verhandelt wurde, hatte für Polen eine Frage absoluten Vorrang: die Anerkennung der polnischen Westgrenze an Oder und Neiße.

Zwar glaubte 30 Jahre nach Beginn der Ostpolitik unter Willy Brandt auch in Polen wohl niemand mehr, dass von Deutschland - geteilt oder geeint - eine Gefahr zur gewaltsamen Wiederherstellung der Grenzen von 1939 ausging. Doch hier ging es auch um ein Gefühl der Rechtssicherheit für all die Polen, die seit 1945 in Schlesien, Pommern und anderen ehemals deutschen Gebieten lebten.

Mit der gemeinsamen Erklärung des Bundestags und der DDR-Volkskammer über die endgültige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze war es am 21. Juni 1990 endlich so weit. "Auf diese Garantie hat Polen 45 Jahre lang gewartet", sagte damals Tadeusz Mazowiecki, der erste demokratisch gewählte Regierungschef Polens nach 1945. Die endgültige Anerkennung der polnischen Westgrenze beende "die Ära, in der das Grenzproblem unsere Länder teilte und für uns Polen eine Quelle von Ängsten war".

Ein Vierteljahrhundert später sind die deutsch-polnischen Beziehungen wohl so gut und intensiv wie nie zuvor. Nicht nur, dass sich die Spitzenpolitiker beider Länder regelmäßig sehen, auch bei der Zahl der Städtepartnerschaften werden die deutsch-polnischen Netzwerke nur von deutsch-französischen überholt. Allein im vergangenen Jahr nahmen 116 000 Jugendliche an deutsch-polnischen Jugendbegegnungen teil. Während ältere Deutsche und Polen, die entweder noch die Kriegsjahre oder die Zeit des Kalten Krieges in Erinnerung haben, dankbar vom "Wunder der Versöhnung" sprechen, ist die Nachbarschaft für die jungen Menschen in beiden Ländern längst total normal. Polnische Szenegänger feiern in Berlin, aber immer mehr Berliner Hipster entdecken, dass die polnische Hauptstadt Warschau ebenfalls ziemlich coole Ecken hat. "Haltestelle Woodstock", das größte polnische Open-Air-Festival, zieht alljährlich auch Tausende deutscher Jugendlicher aus der Grenzregion an.

Junge polnische Familien aus Stettin (Szczecin) haben in den vergangenen Jahren Häuser in Mecklenburg oder Brandenburg gekauft und pendeln zur Arbeit nach Polen. Dank zweisprachiger Kitas und Schulen wächst eine neue Generation in der Grenzregion auf, für die die Sprachgrenze nicht mehr so ein großes Problem sein dürfte wie für ihre Eltern. Wobei auch das zwischenmenschlichen Beziehungen nicht im Wege steht: Deutsch-polnische Ehen stellen in Deutschland seit Jahren den größten Anteil unter binationalen Beziehungen.

Umgekehrt sei in den einstigen deutschen Ostgebieten die dritte oder vierte Generation junger Polen aufgewachsen, die sich nicht mehr die Frage stelle, ob diese Gebiete urpolnisch gewesen seien oder eine deutsche Vergangenheit hätten, betont der Historiker und Deutschlandexperte Krzysztof Ruchniewicz. "Pole zu sein, bedeutet für sie nicht, dass das, was sich hier vor 1945 ereignete, nicht Respekt verdient und lohnt, kennengelernt zu werden", sagt er. "Unsere Erfahrung ist doch die Offenheit von Grenzen, sind Austausch und Kontakte, die Betonung der Gemeinschaft des europäischen Erbes und Lebensstils."

Das deutsch-polnische Beziehungsbarometer, das das polnische Institut für Internationale Angelegenheiten (ISP) und die Konrad-Adenauer-Stiftung alle zwei Jahre vorstellen, spiegelt die positive Grundstimmung wider: In der diesjährigen Ausgabe der Untersuchung nannten zwei Drittel der Polen die deutsch-polnischen Beziehungen gut oder sehr gut - und 68 Prozent meinten, dass Deutschland zu besserer Zusammenarbeit in Europa beitrage. Das seien zehn Prozentpunkte mehr als 2005, sagt ISP-Deutschlandexpertin Agnieszka Lada.

Die Sorgen, die noch 1990 mit einem womöglich übermächtigen geeinten Deutschland verbunden wurden, dürften sich also verflüchtigt haben. Oder liegt das gute Ergebnis an Bundeskanzlerin Angela Merkel? Die deutsche Regierungschefin gehört in Umfragen seit Jahren zu den beliebtesten internationalen Politikern in Polen. Und sie hatte immerhin einen polnischen Großvater. Das verbindet.

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Für Grenzstädte in der deutsch-polnischen Region ist das länderübergreifende Miteinander Alltag. Es gibt vielfältige Kooperationen. Fernwärme: Im Sommer kommt die Warmwasser-Versorgung für Frankfurt (Oder) aus dem benachbarten Slubice in Polen. Im Winter läuft es dann umgekehrt. Die Fernwärme-Kooperation ist noch jung, sie startete im März. Ziel ist, die Heizkraftwerke effizienter einzusetzen und bisherige Überproduktionen zu vermeiden. Laut Stadtwerke Frankfurt (Oder) ist das länderübergreifende Wärmenetz zwischen den Städten, die durch die Oder getrennt sind, deutschlandweit das erste seiner Art. "Die Kooperation ist gut angelaufen", sagt eine Sprecherin. Fußball: Mindestens zweimal in der Woche packen Gubiner ihre Sporttasche und fahren über die Neiße nach Guben in Brandenburg. Die erste Männermannschaft des 1. FC Guben besteht aus deutschen und polnischen Spielern. "Das ist seit Jahren eine stabile Truppe", sagt Präsidiumsmitglied Heiko Appelt. Welche Sprachen sind auf dem Fußballplatz zu hören? "Das geht querbeet: Polnisch, Englisch und Deutsch." Buslinie: Wenn Bewohner im sächsischen Görlitz ins benachbarte Zgorzelec in Polen fahren wollen, können sie in den Bus steigen. Die Linie P fährt zwischen den Städten, die durch die Neiße getrennt sind, seit 1991, wie der Verkehrsverbund Oberlausitz-Niederschlesien erläutert. Anfangs nutzten vor allem Görlitzer das Angebot, jetzt hält sich die Fahrgastzahl aus beiden Ländern in etwa die Waage, wie eine Sprecherin sagt. Betrieben wird der Kleinbus von einem polnischen Unternehmen. Pro Monat steigen etwa 1700 Fahrgäste ein.