Von Bodo Baumert

Ein kleiner Schnitt, ein Blick auf die Ladefläche und dann die Entscheidung: Lohnt sich der Diebstahl oder nicht? Wegen dieser Vorgehensweise haben die Planenschlitzer ihren Namen. Die Diebesbanden, oft aus Polen, sind zur Landplage entlang der Autobahnen in Europa geworden.

911 Fälle hat die Brandenburger Polizei im vergangenen Jahr gezählt. 911 Mal haben die Banden zugeschlagen. „Planenschlitzer sind ein großes Problem“, bestätigt der stellvertretende Polizeipräsident des Landes, Roger Höppner, bei der Präsentation der Kriminalitätszahlen am 8. März. Denn während das Kriminalitätsniveau insgesamt in Brandenburg sinkt,  hat sich die Zahl der Ladungsdiebstähle durch die Planenschlitzer im Vergleich zu 2016 fast verdreifacht.

Autobahn 13: Vor allem die A♦13 stellt laut Polizei einen Schwerpunkt in Brandenburg dar. Findet das Vorauskommando auf einer Ladefläche vielversprechende Beute, dann rufen sie Team 2 zur Hilfe. Das rückt mit Transporter oder Kleinlaster an, lädt so viel aus, wie sich auf die Schnelle greifen lässt und verschwindet, bevor der schlafende Lkw-Fahrer oder ein Zeuge etwas bemerken kann.

Was geklaut wird: „Geklaut wird eigentlich alles, was sich gut weiterverkaufen lässt. So sind schon ganz Lkw-Ladungen mit Fahrrädern entwendet worden, Kfz-Ersatzteile, Reifen oder aber Heimelektronik und Haushaltsgeräte“, sagt Tom Bernhardt vom Landeskriminalamt (LKA) in Sachsen.

Woher die Täter kommen: Um den professionellen Banden das Handwerk zu legen, haben sich Ermittler aus mehreren EU-Staaten  2018 zusammengeschlossen. Die Gruppe „Cargo“ hat ihren Sitz in Magdeburg. „Nach unserer Erkenntnis handelt es sich bundesweit immer um dieselben Gruppen. 90 Prozent der Täter bei uns kommen aus Polen“, sagt Guido Sünnemann, Abteilungsleiter im LKA in Magdeburg und Leiter des Projekts. Sieben Ermittler bilden das Team in Sachsen-Anhalt, unterstützt von den Landeskriminalämtern der umliegenden Länder, von Europol und Fachleuten aus Frankreich, Dänemark und Tschechien. Um die Zusammenarbeit mit Polen kümmert sich das LKA in Potsdam.

Fahndungserfolge der Polizei: Bereits im Januar 2019 rückten polnische Spezialkräfte in Gorzow Wielkopolski aus. Sechs Verdächtige konnten auf frischer Tat beim Entladen gestohlener Lastwagen-Ladungen festgenommen werden. Vier weitere wurden im Laufe der Durchsuchungen von 30 Wohnungen und Lagerräumen gefasst.

Diebesgut im Wert von 100 000 Euro konnten die Ermittler sicherstellen, vor allem Heim- und Elektrogeräte. Darüber hinaus beschlagnahmten die polnischen Behörden Luxuswagen und Vermögen in Höhe von rund 600 000 Euro.

Bande europaweit aktiv: Die Bande aus Polen soll in mehreren EU-Staaten aktiv gewesen sein, zuletzt aber einen Bogen um Deutschland gemacht haben. Einige von ihnen wurden nämlich bereits per Haftbefehl gesucht. Insgesamt sollen die Verdächtigen mehr als 40 Lastwagen aufgeschlitzt und die Ladungen gestohlen haben. Seit der Verhaftung sei ein Rückgang der Fälle spürbar, schätzt das LKA in Sachsen-Anhalt ein.

Betrachtet man allerdings, wie viele Fälle es allein in Brandenburg 2018 gegeben hat, ist davon auszugehen, dass weitere Banden hier aktiv sind.

Wann Planenschlitzer Saison haben: Je länger es abends hell bleibt, desto weniger Spielraum haben die Täter. Deshalb schlagen sie weitaus häufiger im Herbst und Winter als im nun anstehenden Frühjahr zu – so zumindest die bisherig Beobachtung der Ermittler.

Wirtschaftlicher Schaden: Der durch den Diebstahl von Ladung aus Lkw verursachte direkte Schaden wird vom deutschen Versicherungsgewerbe auf rund 300 Millionen Euro pro Jahr geschätzt. Hinzu kommen Schäden an den Lastwagen, durch Dieselklau sowie  durch Liefer- und Produktionsausfälle. Die Summe hierbei schätzt der Branchenverband Transported Asset Protection Association für Deutschland auf bis zu eine Milliarde Euro jährlich.

Milliardenschäden an Autobahnen Polizei knöpft sich Planenschlitzer vor

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