| 02:45 Uhr

Der Wind des Wandels bläst durch Amerika

Historischer Händedruck: US-Präsident Barack Obama und Kubas Präsident Raúl Castro auf dem Amerikagipfel in Panama-Stadt.
Historischer Händedruck: US-Präsident Barack Obama und Kubas Präsident Raúl Castro auf dem Amerikagipfel in Panama-Stadt. FOTO: dpa
Panama-Stadt. Barack Obama und Raúl Castro haben Geschichte geschrieben. Der Neuanfang zwischen Washington und Havanna dürfte die gesamte Region verändern. Doch Konflikte sind vorprogrammiert. Peer Meinert und Isaac Risco

Am Ende gab es doch mehr als nur einen "historischen Handshake". Über eine Stunde lang saßen Barack Obama und Raúl Castro zusammen. Vordergründig ging es um die Wiedereröffnung von Botschaften. Doch das war an diesem Samstag in Panama-City eher Kleinkram. Dem 83-jährigen kubanischen Ex-Revolutionär und dem 53-jährigen US-Präsidenten war klar, dass sie endgültig eine Ära zu Grabe tragen. "Der Kalte Krieg ist lange vorbei", sagte Obama nach dem Treffen - jetzt auch zwischen Havanna und Washington.

Dabei sah es zeitweilig ganz anders aus. Als Castro, der 1959 an der Seite seines Bruders Fidel die Revolution nach Kuba brachte, nur wenige Stunden zuvor beim Amerika-Gipfel das Wort ergriff, schien der alte Kämpfer beinahe in die Rhetorik von gestern zurückzufallen. Aufgebracht und in aller Ausführlichkeit prangerte er die US-Aggression gegen Havanna im Kalten Krieg an. "Ich bin sehr emotional, wenn ich über die Revolution spreche" - solche Sätze haben heute weltweit Seltenheitswert.

"Obama ist ein ehrlicher Mann"

Doch dann schaffte Castro doch noch die Kurve. Ausdrücklich machte er klar, dass Obama daran keine Schuld trage. "Meiner Meinung nach ist Obama ein ehrlicher Mann." "Sein Verhalten hat viel mit seinem einfachen Hintergrund zu tun." Obama blickte betreten zu Boden bei so viel Lob.

Trotz aller Freundlichkeiten: Der Weg zur Normalität zwischen den einstigen Erbfeinden ist weit. Zwischen Havanna und Washington liegen Welten. Kuba - das ist neben Nordkorea praktisch die letzte verbliebene kommunistische Bastion.

Ohne Wenn und Aber machte Obama klar, dass Washington auch weiter Menschenrechtsverletzungen anprangern werde. Im Klartext: Konflikte sind programmiert. Abmildernd fügte Obama hinzu: "Regimewandel ist nicht unser Geschäft".

Viel zu lange hat es gedauert, bis die USA ihre Dauerisolation gegenüber Havanna aufgaben. Kuba - der zähe kleine sozialistische Karibikstaat, der nicht unterzukriegen war, wurde zum Sinnbild des größten außenpolitischen Flops der USA. Einen sozialistischen Staat im eigenen Hinterhof - das wollten die USA auch nach dem Ende des Kalten Krieges einfach nicht hinnehmen. Doch am Ende, meint ein enger Obama-Berater, standen die USA isolierter da als Kuba. Umkehr war längst überfällig.

Hohe Erwartungen der Kubaner

Und nun? Vor allem die Erwartungen der Kubaner sind riesig. Nach Jahrzehnten der wirtschaftlichen Dauermisere hoffen viele Inselbewohner jetzt auf den Segen des amerikanischen Geldes. Die ersten Investoren sind bereits im Land und loten ihre Chancen aus. Das Regime in Havanna wird sich fragen, wie es eine "Übernahme made in USA" verhindern kann.

Die Annäherung an die USA sei eine "große Chance", sagte der kubanische Ökonom und Politologe Esteban Morales. "Wenn die Regierung gut damit umgeht, können wir davon profitieren." Doch auch Misstrauen und Skepsis seien groß.

Für Obama steht das schwerste Stück Arbeit erst noch bevor. Noch ist völlig unklar, ob, wann und inwieweit die Sanktionen aufgehoben werden, mit denen die USA den Karibikstaat jahrzehntelang aushungern wollten.

Dem US-Präsidenten geht es um sein Lebenswerk. Bislang war der Friedensnobelpreisträger in der Außenpolitik nicht gerade sonderlich erfolgreich. Doch jetzt hat er mit dem Iran und Kuba zwei Eisen im Feuer, die ihm seinen Platz in den Geschichtsbüchern sichern könnten.

Doch die Republikaner laufen Sturm gegen eine Aufhebung der Sanktionen. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie Obama Knüppel zwischen die Beine werfen. Dass der Präsidentschaftswahlkampf bereits seine Schatten vorauswirft, macht die Sache nicht einfacher.

Eine Hauptperson des kubanisch-amerikanischen Dramas fehlte allerdings in Panama: Der einstige "Máximo Líder" Fidel Castro, der Mann, an dem sich die USA die Zähne ausgebissen haben. Mit welchem Gefühlen der 88-Jährige, der schwer krank ist, den Handshake seines Bruders wohl verfolgt hat?