Juri Gagarin lehnte sich auf der Aussichtsplattform über die Brüstung, schaute nach unten, zuckte zurück, als ob er sich erschrocken hätte: "Von hier aus ist es aber ganz schön weit bis zur Erde!" Hanna Szczubelek lächelt heute noch über diese Erinnerung.

Die Plattform im 30. Stock des Kulturpalasts bietet, wie damals, den besten Blick auf Warschau. Touristen drängen sich dicht. Man hört Englisch, Französisch, Russisch, Japanisch und viele andere Sprachen. In der Ferne krümmt sich die Weichsel wie eine silberne Schleife. Wohnsiedlungen erstrecken sich weitläufig, bis rüber zu den riesigen Waldgebieten. Man sieht überfüllte Straßen. Baustellen. "Die Stadt wächst ständig, aus der Höhe erkennt man es am besten", sagt Hanna Szczubelek.

Ein höchst lebendiger Senior

Der Kulturpalast im Warschau feiert in diesen Tagen seinen 60. Geburtstag. Ein lebendiger Senior. Mit mehr als 330 Metern ist er immer noch Polens höchstes Gebäude. 44 Stockwerke, 3288 Räume, 31 Aufzüge. Außer den zahllosen Büros gibt es ein Theater, Kinos und Restaurants, dazu Bars, ein Schwimmbad, private Hochschulen und ein Jugendzentrum. Fast 5000 Menschen arbeiten hier. Hanna Szczubelek ist seit 55 Jahren dabei. Im 15. Stock hat sie ihr Büro. Die Turmfalken haben sich hinterm Fenster ein Nest gebaut. In der Ecke ein Schrank mit mehreren Dutzend Bänden. Ihre Chroniken.

Die ehemalige Sekretärin des Palastleiters dokumentiert unermüdlich die Geschichte des Gebäudes und gleichzeitig des Landes. Denn "aus dem Palast kann man am besten merken, wie sich Polen im Laufe der Zeit geändert hat", sagt Hanna Szczubelek.

Als sie mit der ersten Seite des allerersten Bandes begann, sah Hanna Szczubelek durch ihr Fenster weit und breit nur Ruinen. Trümmer des Krieges und der zwei Warschauer Aufstände.

Ganz langsam wuchs die Stadt nach dem Krieg wieder, kaputte Häuser wurden abgerissen, an ihrer Stelle neue errichtet. Ganze Wohnsiedlungen entstanden dort, wo man noch kurz zuvor Wald und Felder sehen konnte. Dazu der Hauptbahnhof, Bürotürme, Einkaufszentren.

Irgendwann in den 90er-Jahren verlor Hanna Szczubelek den Überblick. Immer mehr Gebäude ragten in den Himmel, immer dichter standen sie beieinander. Nun sah Warschau aus wie eine Stadt des Westens. Modern und teuer. Ganz in der Nähe des sozialistischen Kulturpalasts entstand das teure Marriott-Hotel und Warschaus kapitalistisches Herz: die riesige verglaste Einkaufspassage Zlote Tarasy. Goldene Terrasse. In den Palast selbst zog ein Spielcasino ein. Höhle der kapitalistischen Sünden und des Geldes. "Was hätte Stalin gesagt, wenn er das gesehen hätte?", fragt Hanna Szczubelek und lacht schon wieder.

Der Diktator persönlich hatte einst den polnischen Präsidenten Boleslaw Bierut gefragt: "Hätte Polen lieber eine U-Bahn, eine Wohnsiedlung oder ein Hochhaus?" In Wahrheit blieb dem polnischen Staatsoberhaupt keine Wahl. Stalin wollte ein Zeichen der sowjetisch-polnischen Freundschaft setzen. Oder besser gesagt: ein unübersehbares Symbol sowjetischer Dominanz. Ein Hochhaus, wie in Riga, Alma-Aty oder Bukarest. Nach dem Moskauer-Vorbild, nur kleiner.

Bevor der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow zu Besuch nach Warschau kam, wurde der oberste Architekt der Stadt, Jozef Sigalin, ausdrücklich angewiesen, er solle den Vorschlag der Sowjets in jedem Fall dankend akzeptieren.

Nach drei Jahren war der Palast fertig. Tag und Nacht arbeiteten mehrere Tausend sowjetische und polnische Bauarbeiter daran. Verspätungen kamen nicht infrage, es ging um die sowjetische Ehre. Das damalige Bautempo beeindruckt heute noch, wenn man die vielen anderen Baustellen in Warschau damit vergleicht: Die erste U-Bahnlinie wurde 25 Jahre lang gebaut, das Nationalstadion vier Jahre. Stalin selbst bekam sein Geschenk nicht mehr zu Gesicht. Er starb vor der Fertigstellung. Zunächst wurde der Bau nach dem sowjetischen Diktator benannt, doch als in Moskau Tauwetter einsetzte, wurde in Warschau sein Name über dem Eingang bedeckt.

"Das Fundament des Sozialismus symbolisiert der Palast sicher nicht", sagt Frau Szczubelek. "Eher eine Brücke in den Westen." Zwar trafen sich im Kongresssaal des Palasts die Parteichefs Polens und der befreundeten Länder, aber ansonsten wehte im Gebäude bald ein Wind aus dem Westen. Die Rolling Stones, Marlene Dietrich, Elton John, Dalida: Weltstars waren hier zu Gast. Als Paul Anka auftrat, kam die Nachricht vom Tod John F. Kennedys. Eine Schweigeminute für den US-Präsidenten erfolgte im Palast - mitten im Kalten Krieg. Moderne westliche Kunst wurde hier gezeigt. "Leute haben sich um sechs Uhr früh gestellt, um sich Bilder aus dem USA anzuschauen - weil sie ein Stück der freien Welt waren!", sagt Szczubelek.

Ein Altar direkt vorm Eingang

1987 stand ein Altar direkt vorm Palasteingang. Vor dem betete Papst Johannes Paul II., Tausende Pilger waren gekommen. Die Sowjets hatten im Vorfeld verhindert, dass an der Fassade des Gebäudes ein Kreuz aufgehängt wurde: "Nicht an unserem Geschenk."

Schon zwei Jahre später besetzten andere den Platz. Die kleinen Händler, die auf Klappbetten und Tischen eigenhändig importierte Jeans aus der Türkei, Elektrogeräte aus Thailand oder Schuhe aus Italien verkauften, übernahmen hier nun die Macht. Der polnische Kapitalismus war geboren. Coca-Cola öffnete im Palast seine erste Polen-Dependance. Kurz danach kamen italienische Modelabels mit exklusiven Galerien. Der Palast diente den westlichen Firmen als vorläufiger Unterschlupf, im Laufe der Zeit bauten die Unternehmen eigene Bürohäuser in der Stadt, mit denen die veralteten und teuren Räume des Palasts nicht konkurrieren konnten.

Statt Abriss Denkmalschutz

Eines Tages kamen die sowjetischen Ingenieure, die den Palast einst gebaut hatten. Sie waren verblüfft, dass er in solch einem guten Zustand war und überhaupt noch stand. Tatsächlich wurden in Warschau Stimmen laut, die forderten, man solle das Symbol der sowjetischen Herrschaft schnellstmöglich zerstören - oder zumindest von allen Seiten mit Hochhäusern umbauen, sodass der Koloss im Stadtbild nicht mehr auffiele. Alle Pläne schlugen fehl. Der Palast steht seit dem Jahr 2007 unter Denkmalschutz. Hanna Szczubelek freut sich darüber. Er sei zu einem Symbol der Stadt geworden. Ihr Leben mit dem Palast hat sie beschrieben und will die Geschichte nun als Buch herausgeben. "Mit dem Palast verheiratet", soll das Buch heißen.