Das Augenmerk gilt auch den Umfrage-Instituten und damit einer Branche, die sich in den letzten Jahren nicht unbedingt mit Ruhm bekleckert hat. Vorbei die Zeiten, als der Wählerwille noch ein leichtes Geschäft war. Mittlerweile erleben die Demoskopen eine immer größere Kluft zwischen Theorie und Praxis. Für den Geschäftsführer des Emnid-Instituts, Klaus- Peter Schöppner, ist das Fühlen am Puls der Wähler dann auch "keine Prognose, sondern eine Diagnose". Soll heißen: Wir machen nur eine Momentaufnahme - und die kann erheblich vom Endergebnis abweichen.
Ein Paradebeispiel dafür sind die vergangenen Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt. 1998 erreichte die DVU dort aus dem Stand 12,9 Prozent. Aber kein Meinungsforscher hatte die Rechtsaußenpartei auf der Liste. Nach längerer parlamentarischer Abstinenz glänzten die Landes-Liberalen vier Jahre später mit einem Traumergebnis von 13,3 Prozent. Auch damit hatten die Demoskopen nicht einmal ansatzweise gerechnet. Im Gegenzug ging damals die SPD um fast 16 Prozent in den Keller, was der Meinungsforschung ebenfalls ein Buch mit sieben Siegeln war.
Dabei ist nicht nur der ostdeutsche Wähler ein unberechenbares Wesen. "Es gibt Situationen, da klaffen Partei- und Kandidatenpräferenz weit auseinander", konstatiert Forsa-Chef Manfred Güllner. So geschehen bei der vergangenen Bundestagswahl, als die Meinungsforscher das Unionslager bis zuletzt als glasklaren Sieger auf dem Zettel hatten. Wegen massiver Vorbehalte gegen die damalige Kanzlerkandidatin Angela Merkel blieb jedoch ein überraschend großer Teil der CDU/CSU-Anhänger entweder zu Hause oder wählte FDP. Ein paar Monate zuvor bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen war es genau umgekehrt: Trotz deutlicher Aversionen gegen den CDU-Spitzenkandidaten Jürgen Rüttgers fuhr die Union einen fulminanten Triumph ein.
Die mangelnde Zuverlässigkeit der Erhebungen erklärt Emnid-Chef Schöppner mit einer immer geringeren Differenzierung der etablierten Parteien. "Mangelnde Kompetenz führt zu mangelndem Vertrauen und Desinteresse." Am Ende werde nicht mehr ein Parteiprogramm bewertet, sondern ein "Bauchgefühl". Die These von der zunehmenden Politikmüdigkeit will Forsa-Chef Güllner nicht gelten lassen. Nach wie vor seien die Menschen sehr an politischen Vorgängen interessiert. Gleichwohl verfestige sich der Eindruck, dass Politik vor dem Hintergrund einer wirtschaftlichen Globalisierung nichts bewegen könne. Das "Grundproblem" der demoskopischen Untersuchungen besteht nach Einschätzung Güllners in den Unwägbarkeiten der Wahlbeteiligung. "Die Leute sagen uns nicht, dass sie nicht zur Wahl gehen." Dieses Phänomen kann sicher auch die bes te Vorhersage durcheinander wirbeln. Gerade bei der jüngsten Bundestagswahl seien so viele Wähler zu Hause geblieben wie zuletzt 1949, so Güllner.
Gemessen an den aktuellen Umfragen ist nur in Sachsen-Anhalt mit einem Regierungswechsel zu rechnen. Schwarz-Gelb könnte von einer großen Koalition abgelöst werden. In den Landtagen von Stuttgart und Mainz sind dagegen keine grundlegenden Mehrheitsverschiebungen in Sicht. Allerdings basieren sämtliche Erhebungen auf einem Umstand, der sich - wenn überhaupt - nur im klein Gedruckten wiederfindet: Entscheidend ist die Zahl der Befragten. Bei 1000 Personen gilt in der Branche eine Fehlertoleranz von plus minus drei Prozent. Bei nur 500 Personen können bereits Abweichungen von vier Prozent nach oben oder unten entstehen. Schon deshalb sind Wahlprognosen eher mit Vorsicht zu genießen.