Ricke ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom, des Unternehmens also, das zusammen mit DaimlerChrysler das Lkw-Maut-Konsortium Toll Collect ins Leben gerufen hat. Beste Gelegenheit für den Kanzler, sich Ricke mal zur Brust zu nehmen und klare Worte in Sachen Pannen-Maut zu sprechen. Schließlich gehen dem Staat inzwischen 180 Millionen Euro pro Monat flöten, weil die Gebühr immer noch nicht erhoben werden kann. In diesem Jahr werden sich die Ausfälle daher auf stolze 2,2 Milliarden Euro belaufen.

Stolpe allein auf weiter Flur
"Nun, Ihre Vorstellungen muss ich enttäuschen. Denn die Lkw-Maut war kein Thema", meinte jedoch zur allgemeinen Überraschung Regierungssprecher Bela Anda. Ein Vorgang, der vor allem zeigt, wie es momentan um Bundesverkehrsminister Manfred Stolpe (SPD) steht - er kämpft allein auf weiter Flur, sein Chef schweigt lieber eisern.
Vieles hat der Kanzler schon zur Chefsache gemacht. Das Bündnis für Arbeit zum Beispiel gehört dazu oder kürzlich die Reform der Pflegeversicherung, bei der er Sozialministerin Ulla Schmidt (SPD) einfach ausbremste. Selbst anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 und der Bewerbung Leipzigs für die Olympischen Spiele 2012 bat Sportfreund Schröder schon zu Gipfelgesprächen ins Kanzleramt. Aber in Sachen Lkw-Maut beherzigt der Niedersache hingegen seine legendäre "ruhige Hand" - mit einer Ausnahme: Beim Bahngeburtstag vor wenigen Wochen fand er medienwirksam starke Worte, stellte dem Konsortium sogar ein Ultimatum und forderte hohe Schadenersatzzahlungen ein.
Das war es aber auch schon gewesen, ansonsten herrscht Kanzlerruhe an der Maut-Front. "Die Personalreserve ist eben so dünn, dass er keinen Ersatz für Stolpe hat", glaubt der CDU-Verkehrsexperte Klaus Lippold. Bei der Maut zeige sich "immer deutlicher die Schwäche des Kanzlers, der die Dinge nicht mehr im Griff hat". Weil Schröder schweige, werde "Stolpe weiter vom Konsortium am Nasenring herumgeführt", schimpfen auch andere Politiker und zwar nicht nur aus dem Oppositionslager. Denn selbst in Koalitionskreisen ist man schon länger ziemlich unzufrieden mit Stolpes Krisenmanagement. Dass der Regierungschef sich allerdings so extrem zurückhält, wird dort mit einem alten politischen Grundsatz begründet: "Mach dir bloß kein Negativ-Thema zu eigen." Vor allem dann nicht, wenn es sowieso schon an vielen Ecken und Enden brennt. Also muss Stolpe wei terhin allein herhalten.

"Hauch von Unverschämtheit"
Heute tut er dies wieder vor dem Verkehrs- und anschließend vor dem Haushaltsausschuss des Bundestages. Dort wird der Minister erklären, wie er zu dem jüngsten Angebot von Toll Collect steht. Klar ist, Stolpe will Nachverhandlungen bei einem Spitzengespräch und womöglich noch andere Firmen ins Maut-Projekt einbeziehen. Die neuen Bedingungen des Konsortiums hätten nach den Ereignissen der letzten Monaten "einen Hauch von Unverschämtheit", sagt der Minister unverblümt. Aus dem Angebot geht unter anderem hervor, dass die Betreiber die Erhebung nicht nur in zwei Stufen ab Ende des Jahres beginnen wollen, sondern die Haftung bei einem neuerlichen Systemausfall auf 500 Millionen Euro begrenzen möchten. Außerdem kalkuliert Toll Collect bereits eine weitere sechsmonatige Startverzögerung ein, erst dann soll das Vertragsverhältnis "automatisch" enden. Stolpes Botschaft lautet deshalb nun: "Das Gesamtpaket ist inakzeptabel."