Die sprichwörtliche Drohung "Das kommt mir nicht in die Tüte" wandelte Karl Eschrich einfach in (s)ein Lebensmotto um: "Das kommt mir in die Tüte" wurde wohl zum meistgebrauchten Satz in seinem fast 50-jährigen Berufsleben. Der gelernte Kaufmann gründete nach dem Zweiten Weltkrieg in Leipzig einen Großhandel für Zeitungen und Zeitschriften. Die Gunst der Stunde um den 17. Juni 1953 herum nutzte er dafür, sein Gewerbe um einen kleinen Verlag zu erweitern. Als Firmenlogo des Blitz-Verlages wählte er eine Schlange an einem Kreuz. "Das Kreuz stand für den Glauben, die Schlange für Beweglichkeit und der Blitz für neue Ideen" erklärt er. Der Geschäftstüchtige brachte Glückwunschkarten, Kalender, Malbücher und Ansichtskarten heraus. Deshalb kannte er zwangsläufig alle Druckereien und bemerkte, da ss damals beim Druck unheimlich viele Papierreste anfielen. "Die wollte ich unbedingt nutzen."
In einer stillen Stunde hatte er die Blitzidee, Wundertüten herzustellen. Er beauftragte den Leipziger Illustrator Wilhelm Maas, Entwürfe für die Vorderseite der Tüten zu malen. "Ich sagte ihm nur, dass ich Tiermotive haben möchte", erinnert er sich. Und so entstanden die inzwischen zur Legende gewordenen drei bunten Bilder, auf denen jeweils ein Elefant, eine Giraffe und ein Affe erwartungsfrohen Kindern eine Wundertüte mit einem Fragezeichen bringt.
"In der DDR brauchte man ja für alles eine Druckgenehmigung", denkt der ehemalige Verleger zurück. "Glücklicherweise konnte ich sie umgehen, da die Tüten als Verpackungsmaterial galten”, erzählt er eine Episode aus dem "Wirtschaftswunderland". Zu ihm gehörte auch, dass Staatliche Großhändler auf riesigen Bergen von so genannten Überplanbeständen saßen.
Das machte sich Karl Eschrich zunutze und kaufte für seine Tüten preiswert Kämme, Brieföffner mit Spreewaldmotiven, Armreifen... So ist auch manch obskures Objekt zu erklären, das den Weg in die Tüte fand, wie beispielsweise das Schuhputztuch "Quick Po-lish" farblos und selbstglänzend vom VEB Kunstblume Sebnitz. Das brachte dem sächsischen Wundertütenmann schon mal einen ironischen Kundenaufschrei in der Satire-Zeitschrift "Eulenspiegel" ein. Doch neben den mehr oder weniger nützlichen Gegenständen entwickelte der Vater einer Tochter vor allem Denksportaufgaben, wie Zahlen- und Buchstabenrätsel, und ließ sie auf kleine Zettel drucken.
Eine Handvoll Heimarbeiterinnen füllten die Tüten. Jahrzehnt für Jahrzehnt. Die Tütenhüllen und der Preis von 50 Pfennig blieben immer gleich, der Absatz stieg dagegen ständig. "In den achtziger Jahren brachten wir bis zu eine Million Wundertüten pro Jahr unter das Volk", betont Karl Eschrich stolz.
Die Wende stoppte die bis dahin ständig wachsende Wundertütenproduktion. "Ich saß auf rund 500 000 Tüten und wurde sie nicht mehr los." Mit 72 Jahren gab er sein Gewerbe schließlich auf. Heute sind dem Leipziger nur noch hunderte Wundertütenhüllen übrig geblieben. Und er träumt davon, dass sich jemand findet, der seine legendären Tüten noch einmal füllt.