Aber als er im August tagelang in seiner neuen politischen Heimat tourte – und dabei erstmals auch die Grenzen seines zukünftigen Wahlkreises hinter sich ließ – ging es um weit mehr. Der Pressetross war des denkbaren Kanzlerkandidaten der SPD wegen mitgefahren und natürlich auch der angespannten Situation im Kaukasus wegen.
Dass Steinmeier seine Sache bei der Begegnung mit dem Wahlvolk ganz gut machte, war einhellige Meinung all der Beobachter, die sich die Mühe machten, den Minister bis zum Ende ins Stift Neuzelle an der deutsch-polnischen Grenze zu begleiten. Der Mann ist populär. Die Leute hatten keine Scheu, auf ihn zuzugehen und die Besichtigung der barocken Klosteranlage wurde zur Autogrammstunde für Touristen. Das war ein anderer Frank-Walter Steinmeier als jener Spitzenbeamter, von dem noch vor einem Jahr ein Kollege schrieb, dass er als Wahlkampf-Frischling „nach unten will“. Ob mit Steinmeier Wahlen zu gewinnen sind – da sind sich seine SPD-Genossen noch nicht sicher. Aber sie sagen oft, dass „Angela Merkel auch nicht besser ist“.
Die Zukunft Brandenburgs interessierte die mitgereisten Journalisten nicht einmal am Rande und selbst die Krise der SPD war angesichts der Schlagzeilen vom neuen Kalten Krieg Nebensächlichkeit. Steinmeier spulte sein Programm ab, war aber vor allem der Außenminister, der ständig am Handy mit seinen Kollegen um Krieg und Frieden ringt. Er mag viele der Gefühlswallungen, die die Kontrahenten bewegen, verstehen. Aber damit umzugehen fiel ihm schwer. Er würde es allzu laut nicht sagen, aber er ließ sich anmerken, dass er dahinter politische Dummheiten und Unreife sieht. Damit kam er gut an bei den Menschen, die sich Sorgen machen. „Dafür sorgen, dass die Vernunft erhalten bleibt“, sagte er und alle klatschten.
Er hätte mit dem gleichen Appell an die Vernunft auch auf die innenpolitischen Fragen antworten können, mit denen er sich konfrontiert sah. Aber wenn ihm ein Betriebsratsvorsitzender sagte, die Rente mit 67 gehe nicht, schwieg er genauso verständnisvoll, als hätte er gerade den georgischen oder russischen Außenminister an der Strippe. Und auf die beharrlichen Nachfragen der Journalisten sagte er dann, er stehe zu dem, was gemacht werden musste. Auch da galt für ihn „Vernunft erhalten“.