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| 02:40 Uhr

Der unbekannte Freund aus dem Internet

Böses Erwachen – aus dem Flirten und Kennenlernen im Internet wird ein Albtraum.
Böses Erwachen – aus dem Flirten und Kennenlernen im Internet wird ein Albtraum. FOTO: dpa
Cottbus. Ein Maßregelvollzugspatient soll eine Cottbuser Schülerin missbraucht haben. Am Montag begann der Prozess gegen den Mann vorm Landgericht Cottbus. Anna Ringle und Christian Taubert

Ein Patient aus dem Berliner Maßregelvollzug steht in Cottbus vor Gericht, weil er bei unbegleiteten Ausgängen ein Mädchen missbraucht haben soll. Die Staatsanwaltschaft warf dem 55-Jährigen am Montag zum Prozessauftakt vor dem Landgericht vor, in den Jahren 2012 und 2013 in Cottbus immer wieder sexuelle Übergriffe auf die Schülerin im Freien und in Hotelzimmern verübt zu haben.

Die beiden sollen sich im Internet kennengelernt haben, der Mann soll sich dort zunächst als Jugendlicher ausgegeben haben. Beim ersten Treffen war das Mädchen gerade einmal 13 Jahre alt.

Wie der Angeklagte zu allen Vorwürfen der Staatsanwaltschaft steht, blieb am ersten Verhandlungstag unklar. Die ersten Treffen mit dem Mädchen beschrieb der Mann vor Gericht unter anderem so: "Wir haben Probleme bequatscht." Stundenlang hätten die beiden geredet, Shakespeare gelesen und das Mädchen hätte ihm Probleme in der Schule und in der Familie anvertraut. Von sexuellen Übergriffen sprach er nicht.

Der Vorsitzende Richter unterbrach am Nachmittag die Verhandlung während der Aussage des Angeklagten und vertagte auf den 7. März. Der Prozess hatte nämlich erst deutlich nach Mittag mit einigen Stunden Verspätung begonnen, weil eine Sachverständige aus Berlin noch gefehlt hatte. Der Verteidiger des 55-Jährigen sagte nach dem Verhandlungstag, dass die ersten Treffen seines Mandanten mit dem Mädchen "platonisch" gewesen seien. Es blieb offen, was der Angeklagte zu allen vorgeworfenen Taten - laut Staatsanwaltschaft waren es mehr als 20 Fälle - im Prozess noch sagen wird. Also, ob er sie bestreitet oder zugeben wird.

Der Mann war im Verhandlungssaal die gesamte Zeit über mit Handschellen gefesselt. Er beklagte sich beim Gericht, dass das einer Vorverurteilung gleichkomme. Der Richter ließ darauf die Fixierung der Handschellen an seinem Oberkörper lockern, die Handfesselung blieb aber. Während seiner sehr detaillierten Schilderungen der einzelnen Treffen im Jahre 2012 blätterte der 55-Jährige immer wieder in einem Notizbuch und zog Fotos hervor, um sie dem Gericht zu zeigen.

Laut Staatsanwaltschaft war dem Angeklagten von Anfang an klar, dass sein Opfer erst 13 Jahre alt war. Mehrmals habe er dem Mädchen an einer Straßenbahnhaltestelle aufgelauert, weil er gewusst habe, dass es Schulschluss hatte. Er soll der Schülerin immer wieder gedroht und sie eingeschüchtert haben, um sie gefügig zu machen. Aus Angst davor, dass der Angeklagte anderen von den Taten berichten könnte, habe sie ihn gewähren lassen, führte die Anklagebehörde aus. Der Mann soll im Sommer 2013 sogar damit gedroht haben, den Freund der Schülerin zu töten.

Neben den unbegleiteten Ausgängen soll sich der Angeklagte im Herbst 2012 etwa eine Woche lang in Cottbus aufgehalten haben, als er zeitweise flüchtig war, wie die Staatsanwaltschaft weiter ausführte. Dass der Tatverdächtige im Maßregelvollzug in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht ist, geht laut Landgericht Cottbus auf ein früheres Urteil des Landgerichts Berlin zurück. Er wurde wegen einer ehelichen Beziehungstat mit gefährlicher Körperverletzung verurteilt und wegen einer psychischen Störung in das Krankenhaus eingewiesen. Seit Mitte 2011 genoss er abgestufte Lockerungen mit regelmäßigem Ausgang. Dem habe damals nach Einschätzung der Ärzte und der Staatsanwaltschaft nichts entgegengestanden. Noch heute ist er im Maßregelvollzug.

Aus Sicht des Verteidigers stellt sich der Hergang der Kontaktaufnahme bis hin zum "allerdings nur einvernehmlichen Sex" ganz anders dar. In einer vorab verbreiteten Presseerklärung unter der Überschrift "Freigänger als Sextäter verleumdet" stellt er dar, "wie aus Freundschaft eine Beziehung" geworden sei. Die psychisch labile und von ihren Mitschülerinnen gemobbte 13-Jährige sei selbstbewusst geworden und prahlte vor ihren Klassenkameradinnen mit ihrem neuen Freund, heißt es in der Mitteilung.

Verteidiger David Schneider-Addae-Mensah nennt das Verfahren "einen Skandal". Aus seiner Sicht "mischt sich der Staat in eine Beziehung ein, die ihn nichts angeht". Zudem rügt er, dass sein Mandant fast dreieinhalb Jahre "im Berliner Psychoknast" auf einen Prozess warten musste.

In der Zeit, als die Vorwürfe im Jahr 2013 öffentlich bekannt wurden, war dem Angeklagten erneut die Flucht aus dem Maßregelvollzug gelungen. Einige Tage später soll er laut Landgericht wieder festgenommen worden sein. Damals hatte die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit Fehler bei der Kontrolle des Ausgangs eingeräumt.

Zum Thema:
Im Maßregelvollzug werden psychisch kranke oder suchtkranke Menschen untergebracht, die Straftaten verübt haben. Weil sie von einem Gericht aber nur als eingeschränkt oder gar nicht schuldfähig eingestuft wurden, kommen sie nicht in ein Gefängnis. Die Unterbringung hat unter anderem die Gefahrenabwehr und die Verbrechensverhütung zum Ziel. Zudem soll erreicht werden, dass sich der Zustand des Patienten verbessert. Anders als bei einer konkreten Gefängnisstrafe richtet sich die Dauer der Unterbringung beim Maßregelvollzug nach dem Behandlungserfolg. In regelmäßigen Abständen wird überprüft, ob die Maßregel noch nötig ist.