Eklat im Kanzleramt. Am Ende der Pressekonferenz von Kanzlerin Angela Merkel (CDU) und Ägyptens Staatschef Abdel al-Sisi rief eine angebliche Journalistin: "Nieder mit dem Militär". Sofort skandierten an die 20 ägyptische Teilnehmer, ebenfalls angebliche Journalisten: "Es lebe Ägypten". Die Gruppe hatte die Ausführungen ihres Präsidenten schon vorher mehrfach mit Beifall gewürdigt.

Die Kanzlerin war merklich irritiert; der übliche Händedruck für die Fotografen ging im Chaos unter. Bei der Anti-Al-Sisi-Aktivistin handelte es sich nach eigenen Angaben um eine Medizinstudentin aus Mainz, die einen Presseausweis eines dortigen Rundfunksenders besaß. Sie wurde sofort von Sicherheitsbeamten nach draußen geleitet.

Vor dem Kanzleramt skandierten derweil Hunderte Pro-Al-Sisi-Leute und schwenkten Plakate mit seinem Konterfei. Früher nannte man so etwas "Jubel-Perser".

Die Hauptstadt erlebte einen der umstrittensten Staatsbesuche der vergangenen Jahre. Schon am Morgen standen, durch Polizisten getrennt, laut schreiende Pro- und Contra-Demons tranten vor dem ehrwürdigen Adlon-Hotel am Brandenburger Tor, in dem der Machthaber aus Kairo nächtigte.

"Alles islamistische Terroristen", sagte einer der Al-Sisi-Anhänger über die anderen, die Plakate des vorherigen Präsidenten Mursi mit sich trugen. Mursi ist wie Hunderte andere Mitglieder seiner Muslimbruderschaft inzwischen zum Tode verurteilt worden, was in den Gesprächen mit Angela Merkel ein Thema war.

Auch in der deutschen Politik war die Visite höchst umstritten, und nicht nur bei Menschenrechtsorganisationen wie Reporter ohne Grenzen oder den Grünen. Die Einladung des im Mai 2014 zwar gewählten, zuvor aber durch Putsch an die Macht gekommenen Ex-Generals war im September in einem Telefonat von Kanzlerin Angela Merkel persönlich ausgesprochen worden. Damals noch an die Bedingung geknüpft, dass man sich "nach der Parlamentswahl" treffen solle. Die verschob der General aber auf den Herbst dieses Jahres.

Deutschland hielt trotzdem an der Einladung fest. Ägypten, so das Credo der Bundesregierung, sei "Schlüsselland des arabischen Raums", wie Regierungssprecher Steffen Seibert im Vorfeld zur Begründung sagte.

Bundespräsident Joachim Gauck empfing den Gast vor dem Schloss Bellevue mit "militärischen Ehren". Großer Bahnhof. Nur einer trübte die Stimmung: Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU). Er sagte sein schon geplantes Treffen mit dem Gast vor zwei Wochen ab. Begründung: "Statt der seit Langem erwarteten Terminierung von Parlamentswahlen erleben wir eine systematische Verfolgung oppositioneller Gruppen mit Massenverhaftungen, Verurteilungen zu langjährigen Haftstrafen und einer unfassbaren Anzahl von Todesurteilen."

Merkel übte auch Kritik an ihrem Gast, allerdings äußerst zurückhaltend. Über die Wahlen sprach sie gar nicht mehr, sondern nur sehr allgemein von "Werten", bei denen man sich unterscheide. Und über die Todesstrafe sagte sie, man sei in Deutschland grundsätzlich gegen diese Strafe. "Aber", fügte sie ihren kritischen Ausführungen hinzu, "das führt nicht dazu, dass wir in vielen anderen Fragen nicht zusammenarbeiten können". Sie meinte vor allem die wirtschaftliche und sicherheitspolitische Zusammenarbeit, denn Ägypten sei "von hoher strategischer Bedeutung" vor allem im Kampf gegen den islamistischen Terror.

Al-Sisi, der mit großer Wirtschaftsdelegation angereist war, hörte sich Merkels Worte lächelnd an. Man müsse die Werte gegenseitig akzeptieren, sagte er dann, und zudem seien das alles nur erstinstanzliche Todesurteile. Wer wisse schon, was die nächsten Instanzen bringen, so der Präsident.

Außerdem, fügte er hinzu, habe sein Land so viele Einwohner wie alle anderen arabischen Länder zusammen. Wenn Ägypten ins Chaos gerutscht wäre, "dann wären auch wir alle Aslyanten geworden". Die deutschen Ängste vor dem Flüchtlingsstrom sind offenbar auch in Kairo nicht unbekannt.