Der britische Premierminister baut einen Unfall nach dem anderen - danach steht er aber plötzlich wieder auf, wischt sich den Staub vom Anzug und macht einfach weiter, als wäre nichts gewesen. Angesichts des jüngsten Streits mit Brüssel um milliardenschwere Nachforderungen fragen sich jedoch immer mehr Beobachter in London: Wie lange geht das politische Jonglieren des konservativen Mannes aus der Downing Street noch gut? Vor allem in Brüssel wächst der Unmut über den Briten, der ständig "Reformen" anmahnt, viele Reformbemühungen in Brüssel aber mit fast allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu blockieren trachtet. Der Streit um die 2,1-Milliarden-Euro-Nachforderung ist das neueste Beispiel des tiefen politischen Grabens, der inzwischen die Insel vom Kontinent trennt. Aber es ist längst nicht das einzige.

Erst am Donnerstag holte sich Cameron in Helsinki einen erneuten Rüffel - ausgerechnet bei seinen vermeintlichen Verbündeten. Der finnische Ministerpräsident Alexander Stubb bedeutete Cameron auf dem Nord-Gipfel, die Kommunikation in Sachen EU-Forderung sei sicher nicht günstig gelaufen. Aber ja, natürlich müsse Großbritannien zahlen. Und der Finne ließ Cameron noch bei einem anderen Thema auflaufen: Das Prinzip der Arbeitnehmerfreizügigkeit in der EU, das Cameron aufgrund innenpolitischen Drucks von Rechts aushöhlen möchte, sei "ziemlich heilig". Schwedens neuer Ministerpräsident Peter Löfven erklärte gar, jedwede Änderung an diesem Grundrecht könne die EU "ruinieren". Das Thema Migration zeigt deutlich, wie populistisch Cameron vorgeht. Zahlreiche Studien zeigen, dass Großbritannien von dem Zuzug aus EU-Ländern stark profitiert. Zuletzt hatte das Londoner University College errechnet, dass die Zuzügler aus den neuen EU-Ländern zwischen 2004 und 2011 fünf Milliarden Pfund (rund 6,3 Milliarden Euro) an zusätzlicher Wirtschaftsleistung gebracht haben.

Eine andere Studie der Londoner Handelskammer sieht einen Bedarf von bis zu mehr als 50 000 Bauleuten - vom Maurer bis zum Architekten - in den nächsten drei Jahren allein in der Hauptstadt und deren Umgebung. Der britische Arbeitsmarkt gibt das nicht annähernd her - vor allem nicht qualitativ. Fähige Klempner, Zimmerleute oder Maler in London kommen schon heute eher aus Warschau oder Riga, denn aus Birmingham oder Liverpool. Auch beim Thema EU-Nachforderung widerlegen Experten Camerons Thesen. Der angesehene Think Tank Chatham House schrieb in seiner jüngsten Analyse, Großbritannien habe von den Veränderungen bei der Berechnungsbasis sehr wohl gewusst. "Der Premierminister ist entweder unredlich, wenn er sagt, dass die Effekte durch die Veränderung der Datenbasis unerwartet gekommen seien, oder er hat sich sehenden Auges entschieden, sie für kurzfristige politische Ziele zu missbrauchen", analysiert Professor Iain Begg. Die kurzfristigen Ziele heißen Wahlerfolg. In sechs Monaten muss Cameron an der Urne liefern. Und die größte Gefahr kommt von Rechts. Die europafeindliche Partei UKIP feiert einen Erfolg nach dem anderen. Am 20. November könnte bei einer Nachwahl der zweite Parlamentarier aus dem Lager von Nigel Farage ins Unterhaus einziehen. Cameron sucht sein Heil im Fischen am rechten Wählerrand.

Meinungsforscher sehen die Gefahr, dass diese Politik noch mehr Wähler den Rechtspopulisten zutreibt und die Stimmung gegenüber Europa endgültig vergiftet. Der frühere Politikchef von "Times" und BBC, Robin Oakley, wirft Cameron deswegen Glücksspielermentalität vor. Er müsse sich fragen lassen, ob er sich nicht in ungewinnbare Schlachten ziehen lasse und kurzfristige Taktikspielchen betreibe, in der Hoffnung UKIP blocken zu können. Mit seiner Politik riskiere Cameron bewusst den "Brexit", den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union nach einem geplanten Referendum im Jahr 2017, sagt auch Professor Begg. Cameron wird nicht müde, die Nachzahlungsforderung aus Brüssel dafür verantwortlich zu machen, dass "der Austritt Großbritanniens wahrscheinlicher" geworden sei. Nach Bekanntwerden der Brüsseler Forderung habe in Umfragen das Lager der Austrittsbefürworter um zehn Prozentpunkte zugelegt. Kritiker glauben jedoch, dass dafür nicht die Forderung, sondern Camerons Stimmungsmache gegen Brüssel verantwortlich sein könnte.