Sk rupellose Terroristen bringen in Moskau rund 800 Geiseln in ihre Gewalt, doch der Kreml verweigert Verhandlungen: Mit Gas beenden Spezialeinheiten den Nervenkrieg; mehr als 170 Menschen sterben. Die Bilder vom dreitägigen Geiseldrama im Musicaltheater "Nord-Ost" gehen im Oktober 2002 um die Welt.

Zehn Jahre später warten Angehörige der Opfer immer noch auf vollständige Aufklärung. Das auf Befehl von Präsident Wladimir Putin in den Saal gepumpte Kampfgas schläfert zwar die aus Tschetschenien stammenden Angreifer ein. Doch auch zahlreiche Geiseln sterben an den Dämpfen, deren Zusammensetzung bis heute geheim ist. Da auch Ärzte nicht wissen, worum es sich handelt, ersticken viele Menschen qualvoll.

"Uns Angehörige schmerzt, dass niemand die Verantwortung übernommen hat", sagt die Sprecherin der Hinterbliebenen, Tatjana Karpowa. Auch ihr Sohn starb. Jedes Jahr im Oktober kommen die Angehörigen der etwa 130 getöteten Geiseln am damaligen Tatort nahe der Metrostation Dubrowka zusammen. Sie stellen Kerzen vor eine Gedenktafel, lassen weiße Luftballons in den Himmel steigen und spenden sich gegenseitig Trost.

"Putin hat gesagt, die Sicherheit der Geiseln sei oberstes Gebot", sagt Lena Prostomolotowa, die damals ihre Tochter verlor. Angesichts der chaotischen Befreiungsaktion klinge dies wie Hohn, meint die 64-Jährige. Schadenersatzforderungen weisen die russischen Behörden mit der Begründung ab, Todesursache sei nicht Gas, sondern "Stress" gewesen.

Erst der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg spricht Angehörigen der Opfer Ende 2011 jeweils mindestens 9000 Euro Schmerzensgeld zu. Und er verlangt von der russischen Regierung eine neue Untersuchung der Tragödie.

Während des zweiten Aktes des Musicals "Nord-Ost" stürmen schwer bewaffnete Angreifer am 23. Oktober 2002 in das Kulturhaus. Ihre Forderung: Der Kreml muss seine Truppen aus der Teilrepublik Tschetschenien im Nordkaukasus abziehen. Dort tobt wegen separatistischer Bestrebungen seit Jahren ein blutiger Bürgerkrieg. Für die Geiseln beginnt ein Martyrium. Immer wieder versuchen Unterhändler wie die - 2006 ermordete - Journalistin Anna Politkowskaja das Schicksal der auch unter unsäglichen hygienischen Bedingungen leidenden Gefangenen zu bessern. In den Folgetagen werden einige Geiseln freigelassen, einige aber erschossen. "Auch wir sind bereit zu sterben", sagt ein Geiselnehmer im Fernsehen. Putin betont in einer Rede: "Russland lässt sich nicht in die Knie zwingen." Angesichts verhärteter Fronten sind Vermittlungsversuche letztlich aussichtslos. Nach dem Sturm von rund 200 Sicherheitskräften am 26. Oktober 2002, einem Samstag, zeigen Fernsehbilder die per Kopfschuss getöteten etwa 40 Terroristen. Die Hälfte von ihnen sind "Schwarze Witwen" - Frauen, die ihre Männer im Kampf gegen kremltreue Truppen in Tschetschenien verloren haben und sich rächen wollten.

"Die Strategie des Kremls hieß im ,Fall Nord-Ost": täuschen, lügen, vertuschen - wie nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl 1986 und dem Untergang der Kursk 2000", sagt die Überlebende Olga Chuchrina. Ihre Freundin Swetlana Gubarewa erzählt, dass Angehörige der Geiseln zwischen Notaufnahmen und Leichenhallen umhergeirrt seien, während Putin die Beendigung des Dramas als Erfolg gefeiert habe. "Der Sturm auf das Gebäude war wie Russisch Roulette: Nur der Glücklichere hatte eine Chance aufs Überleben", kommentiert die kremlkritische Zeitung "Nowaja Gaseta" zum zehnten Jahrestag.