Zwischen saftigen Feldern und sattgrüner Vegetation des Regenwalds von Guinea brach vor einem Jahr das Unheil aus, das drei Länder Westafrikas an den Rand des Zusammenbruchs brachte und bald die ganze Welt in Atem hielt. In den Rundhütten der Siedlung Meliandou hatte noch nie jemand von Ebola gehört, doch vermutlich am 26. Dezember erkrankte hier ein Kleinkind - Emile, der zwei Tage später starb und als mutmaßlicher "Patient Null" der verheerenden Epidemie identifiziert wurde. Binnen eines Monats verlor sein Vater Etienne Ouamouno sechs weitere Familienmitglieder, darunter seine vierjährige Tochter und seine im vierten Monat schwangere Frau.

Ouamounos Familie ist nur eine von vielen, die von der todbringenden Seuche zerrissen wurden. Doch die düstersten Prognosen, die bis Mitte Januar bis zu 1,4 Millionen Ebola-Fälle vorhersagten, haben sich dank internationaler Hilfe nicht bewahrheitet. Die schwachen Staaten Liberia und Sierra Leone, in denen schreckliche Bürgerkriege erst seit gut einem Jahrzehnt beendet waren, sind entgegen mancher Befürchtung nicht zusammengebrochen und in Anarchie versunken. Auch hat sich das Ebola-Virus außerhalb Westafrikas nicht stark verbreitet. Die Horrorvision einer Epidemie etwa in den Slums von Nigeria oder in asiatischen Metropolen blieb der Welt erspart. Doch für eine Entwarnung ist es noch zu früh.

Die Lage scheint sich in Liberia und Sierra Leone langsam zu stabilisieren, doch in Guinea ist die Tendenz laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch nicht klar. Mehr als 19 000 Krankheitsfälle zählte die WHO bislang, mehr als 7500 Frauen, Männer und Kinder starben bisher. Die Dunkelziffer liegt vermutlich viel höher. Experten hoffen, die Epidemie 2015 unter Kontrolle zu bringen. Doch niemand wagt zu schätzen, wie viele Menschen noch daran sterben werden. "Ebola ist weiterhin eine globale Krise", sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon am gestrigen Freitag in Sierra Leone. Ziel sei, keine Krankheitsfälle mehr zu haben. "Es braucht nur einen einzigen Fall, um eine neue Epidemie zu starten."

In Sierra Leone ließ die Regierung alle öffentlichen Feiern zu Weihnachten und Silvester verbieten, um zu verhindern, dass sich in Menschenansammlungen weitere Personen anstecken. "Wir sind nicht so weit, wie wir sein müssten, wir stehen immer noch vor riesigen Herausforderungen", sagte Präsident Ernest Bai Koroma.

Da die Krankheit zunächst in abgelegenen Regionen auftrat - weit weg von Europa und Amerika -, wurde sie völlig unterschätzt. Die mit kleineren Ebola-Epidemien in Afrika vertraute Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen warnte bereits im März, dass es sich um eine "Epidemie in einer nie dagewesenen Größenordnung" handele. Doch der Hilferuf verhallte fast ungehört. Damals waren erst 78 Ebola-Tote zu beklagen.

Bis die Weltgemeinschaft aufwachte, war es für einen schnellen Erfolg schon zu spät. Die WHO stufte die Epidemie erst im August als Internationalen Gesundheitsnotfall ein. Das wissenschaftliche Fachmagazin "Science" kürte die schleppende internationale Reaktion jüngst zum Versagen des Jahres. "Zu wenig, zu spät", schrieb Chefredakteurin Marcia McNutt. "Epidemiologen sind sich einig, dass schnelles und effektiveres Handeln das Schlimmste hätte verhindern können."

Ein Dossier zu Ebola lesen Sie unter www.lr-online.de/ebola