Das Kreuz ist erst nachträglich an der Wand angebracht worden. Unter ihm, auf dem kahlen Estrich-Boden, liegt eine verblasste Trauerschleife: "Unvergessen in Liebe und Dankbarkeit. Deine Tochter Ursula und Ehefrau Waltraud". Die Schleife erinnert an Manfred Smolka, der in diesem kalten Raum Anfang der 60er-Jahre hingerichtet wurde. Hingerichtet von der DDR-Justiz so wie 63 andere, die in diesem versteckten Seitentrakt in dem erst vor wenigen Jahren aufgegebenen Gefängnis südlich der Leipziger Innenstadt den Tod fanden.
In der alten Hausmeisterwohnung hatte die DDR-Justiz ihre zentrale und geheim gehaltene Hinrichtungsstätte eingerichtet. Eine kleine Diele, davon abgehend eine Handvoll Räume - komfortabel hatte es der Gefängnishausmeister hier auch nicht. Geradezu der Raum, in dem der Häftling seine letzten Stunden verbrachte. Sechs Quadratmeter, mehr Platz gab es nicht.

Todesschuss in den Hinterkopf
Ob ihm ein letzter Brief oder eine letzte Mahlzeit zustanden, ist heute nicht mehr klar. In den 50er-Jahren habe es das noch gegeben, sagt Tobias Hollitzer vom Bürgerkomitee Leipzig. In der zweiten Dienstanweisung von 1968 sei das dann gestrichen und wohl auch nicht mehr praktiziert worden. Schräg gegenüber dann der eigentliche Hinrichtungsraum, beige gestrichen mit rotem Sockel. Der Todesschütze wartete hinter der Tür, durch die der Gefangene hereingeführt wurde, und schoss dem Mann dann in den Hinterkopf.
Hollitzer und das Bürgerkomitee wollen den Raum, in dem vor 25 Jahren am 26. Juni 1981 mit der Erschießung des Stasi-Spitzels Werner Teske wegen angeblich geplanten Landesverrats das letzte Todesurteil auf deutschem Boden vollstreckt worden war, in einen Erinnerungsort umwandeln. Und er schränkt sogleich ein: Eine Gedenkstätte solle es nicht werden. Denn das ist außerordentlich schwierig, weil die DDR in Leipzig sowohl politische Gefangene als auch Kapitalverbrecher sowie NS-Verbrecher hinrichtete. Wessen soll man da gedenken„
Diese Gedanken macht sich auch die Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Berlin. Wichtig sei, dass die unschuldig Hingerichteten nicht vergessen würden, sagt Stiftungsgeschäftsführerin Anne Kaminsky. Im Vordergrund müsse denn auch die Aufarbeitung des Systems der Todesstrafe in einem totalitären Staat stehen, erklärt sie. Entsprach das Verfahren rechtsstaatlichen Grundsätzen“ Wie war die Beweiserhebung„ Wie angemessen war das Strafmaߓ Diese Fragen sollten im Mittelpunkt stehen.
Dazu solle es in der noch entstehenden Erinnerungsstätte auch eine Dokumentation geben, sagt Bürgerrechtler Hollitzer. Ohne begleitende Erklärung sei solch ein Ort kaum vermittelbar. Doch in den historischen Ort der Hinrichtungsstätte könne man die Schautafeln natürlich nicht stellen. "Wir bräuchten dazu ein oder zwei Nebenräume", wünscht sich Hollitzer.

Justiz nutzt weiterhin das Gebäude
Und da liegt das Problem: Das Gebäude ist zwar kein Gefängnis mehr, aber es wird noch immer von der Justiz belegt. Und die beherbergt dort ein Amtsgericht und möchte auch für die Staatsanwaltschaft im ehemaligen Gefängnis-Innenhof neu bauen sowie die Staatsanwälte im unter Denkmalschutz stehenden alten Gefängnisflügel neben der Hinrichtungsstätte unterbringen. Zwar hat das sächsische Kabinett grundsätzlich erklärt, dass es einen Erinnerungsort an die Todesstrafen der DDR wünscht. Aber wann damit begonnen wird, ist noch offen. Zunächst müsse über die künftige personelle Besetzung der Staatsanwaltschaft entschieden werden, erst dann könne mit dem Bau begonnen werden, heißt es aus dem Ministerium.
Und vorher wird auch in dem Raum, in dem bis 1968 das Fallbeil stand, nicht saniert werden. Die Farbe blättert jetzt schon von den Wänden, ein Heizungsschaden in der Vergangenheit hat dem Mauerwerk zugesetzt. Tobias Hollitzer ist aber froh, dass der Raum überhaupt gerettet werden konnte. Nach der Wende wollte das Gefängnis seinen Küchentrakt erweitern. "Hier sollte die Kartoffelküche rein", sagt er.