Die Lausitzer Braunkohletagebaue des schwedischen Energiekonzerns Vattenfall sind große Stromverbraucher. 1,3 Tera-Watt-Stunden pro Jahr schlucken Bagger und Förderbänder in den vier Tagebauen Jänschwalde und Welzow-Süd in Brandenburg sowie Nochten und Reichwalde in Sachsen. Das entspricht etwa zweieinhalb Prozent des gesamten Stromes, den Vattenfall jährlich aus Braunkohle produziert.

In unmittelbarer Nähe der Vattenfall-Tagebaue stehen mit den konzerneigenen Kraftwerken Großerzeuger von Elektroenergie. Doch ein Teil der Stromleitungen zwischen Kraftwerken und Gruben, manchmal nur einige Hundert Meter, gehören zum regionalen Verteilnetz der Envia-Tochter Mitteldeutsche Netzgesellschaft Strom mbH.

Diese Struktur ist eine Lausitzer Besonderheit, die es im rheinischen Braunkohlerevier nicht gibt. Dort sind Braunkohle-Kraftwerk, die dazu gehörenden Tagebaue und die Leitung dazwischen komplett in einer Eigentümerhand.

Die Auswirkungen des Lausitzer Stromumwegs vom Kraftwerk zum Tagebau über das öffentliche Netz sind gravierend. Der Umweg macht die Vattenfall-Tagebaue zu Stromverbrauchern, die Netzentgelte zahlen müssten. Bei dem hohen Stromverbrauch sind das erhebliche Summen. Dass die eigenen Kraftwerke oft in Sichtweite stehen, spielt dabei keine Rolle.

Bisher waren diese Netzentgelte für die Stromleitung zu den Kohlegruben jedoch stark reduziert.

Begründet wurde das mit dem Verzicht Vattenfalls auf den Bau einer eigenen Stromverbindung zwischen Kraftwerk und Grube. Denn die Tagebaue als stabile Großverbraucher von Strom tragen auch zur Stabilisierung der Verteilnetze bei. Großverbraucher von Gas, die auf eine eigene Leitung verzichten, müssen ebenfalls für die Nutzung des Gasnetzes nicht so tief in die Tasche greifen. Doch während dieser Umstand beim Gas gesetzlich geregelt ist, fehlt eine entsprechende Vorschrift für den Strombereich.

Mit Jahresbeginn hat die Bundesnetzagentur jetzt für Ausnahmeregelungen wie bei den Vattenfall-Tagebauen die Reißleine gezogen. "Wir können das nicht mehr zulassen, weil die rechtliche Grundlage fehlt", bestätigt eine Sprecherin der Bundesbehörde. Vattenfall zieht die Konsequenzen.

"Wir prüfen jetzt intensiv alle Optionen, auch den Bau einer eigenen Stromversorgung von unseren Kraftwerken zu den Tagebauen", sagt Hans Rüdiger Lange, Leiter Energiewirtschaft bei Vattenfall. Entschieden sei noch nichts. Aber er betont, dass Vattenfall nicht die treibende Kraft sei, die vorhandene Struktur und Regelung aufzulösen. Das sei die Bundesnetzagentur, mit der es aber noch Gespräche gebe. Doch hinnehmen könne der Konzern solche explodierenden Kosten nicht, so der Leiter Energiewirtschaft. Die Braunkohle stehe im Wettbewerb mit Steinkohle und Gas als Importbrennstoffen für die Stromerzeugung, sagt Lange. "Wir wollen keine Sonderlocke, aber fairen Wettbewerb."

Wenn sich Vattenfall zum Bau einer Eigenversorgung der Tagebaue entschließt, wird das mehr als fünf Jahre dauern. Denn wichtige Arbeiten dabei können nur in Stillstandphasen von Gruben und Stromturbinen vorgenommen werden. "Wir müssen da an das Herz des Kraftwerkes heran", erklärt Lange. Doch wenn die Entscheidung gefallen sei, werde so schnell wie möglich gebaut. Immerhin bedeute jeder Tag dann bares Geld.

Über die Kosten, die ein solcher Umbau verursachen würde, will Lange noch nicht sprechen. Er räumt jedoch ein, dass bereits zwei bis drei Jahre ausreichen könnten, um die Summe durch eingesparte Abgaben wieder auszugleichen.Warscheinlich geht es bei der Bauentscheidung um mehrere Millionen Euro.

Denn neben den Kosten für die Stromdurchleitung durch das öffentliche Netz zu den Tagebauen, wird dafür auch die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) fällig. Bisher gehört Vattenfall zu den Unternehmen, die auch davon ausgenommen sind.

Doch mit den insgesamt steigenden Kosten der Energiewende wird gerade heftig gestritten, wer von der EEG-Umlage befreit bleibt und wer nicht. Mit dem Bau von Direktleitungen zwischen Kraftwerken und Tagebauen würde Vattenfall von dieser Debatte nicht mehr betroffen sein, so wie es schon für die Braunkohleförderung im rheinischen Revier der Fall ist.

Die Netzgesellschaft von Envia, die Mitnetz Strom, wollte sich zu möglichen Auswirkungen auf ihr Unternehmen durch ein Ausscheiden der Tagebaue aus ihrem Netz noch nicht äußern. "Wir befinden uns erst seit kurzer Zeit in konkreten Gesprächen mit Vattenfall", sagt Unternehmenssprecher Stefan Buscher.

Wann sich Vattenfall entscheidet, ob es die Direktleitungen zu den Kohlegruben baut, ist nach Auskunft von Energiewirtschaftsleiter Hans Rüdiger Lange noch offen. Sicher sei jedoch: "Es wird sich in diesem Jahr noch klären."

Zum Thema:
Stromintensive Großunternehmen schotten sich zunehmend von den Kostensteigerungen und Unwägbarkeiten der beschlossenen Energiewende durch eigene Stromerzeugungsanlagen ab. Die BASF Schwarzheide GmbH besitzt ein eigenes Kraftwerk, das den Chemiegroßbetrieb autark mit Strom versorgt. Die Anlage arbeitet mit Erdgas als Brennstoff, kann aber auch auf Heizöl umgestellt werden. Die Papierfabrik Hamburger Rieger GmbH & Co. KG in Schwarze Pumpe nahm zum Jahreswechsel ein Ersatzbrennstoff-Kraftwerk zur Eigenversorgung mit Strom und Dampf in Betrieb. Die Anlage kostete etwa 140 Millionen Euro. Der Papierproduzent, dessen Standort sich unmittelbar neben dem Vattenfall-Kraftwerk Schwarze Pumpe befindet, ist damit von der Strommarktentwicklung unabhängig.