Es ist Freitag, der 6. Juli, ein heißer Sommertag. Begleitet von Bläserklängen schwebt die restaurierte Bronzeglocke der Luckauer Nikolaikirche am Kranhaken in 33 Meter Höhe auf den Turm. Hunderte Luckauer sind gekommen, um die Heimkehr ihres fast drei Tonnen schweren Kirchenschatzes aus der Spezialwerkstatt zu erleben. Was hier geschieht, ist ein kleines Wunder, möglich geworden in einer beispiellosen Gemeinschaftsaktion von Kirchengemeinde, Stadt, Bürgern und Firmen. Bürgermeister Gerald Lehmann (parteilos) erinnert sich: Nur ein Jahr war es her, seit Stadt und Kirchengemeinde erstmals darüber nachdachten, wie sie das Geld für eine aufwendige Glockensanierung im Spezialschweißwerk in Nördlingen aufbringen könnten, wo schon berühmte Schwestern wie die Gloriosa des Erfurter Doms fit gemacht worden waren. Es ging um 80 000 Euro. Doch es ging auch um ein Stück Heimat für Luckaus Christen wie Nicht-Christen gleichermaßen. "Ich habe Gänsehaut", gesteht der Bürgermeister, als die Glocke auf einem blumenbekränzten Wagen zunächst auf den Marktplatz gefahren wird, wo die Leute sie berühren und Erinnerungsfotos schießen können, bevor sie für viele Jahre wieder hinter den Kirchturmmauern verschwindet.

Helmut Kairies, Glockensachverständiger der evangelischen Landeskirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz, nennt Luckaus Bronzeglocke ein Geschichtsdenkmal ersten Ranges. 1722 in der Werkstatt des Sorauer Glockengießers Benjamin Körner gefertigt, sind auf ihrer Haut geschichtliche Ereignisse und zudem Luckaus geistliche und weltliche Honoratioren verewigt. "Was für die Menschen aber noch mehr zählt als Größe oder Denkmalwert, ist der unverwechselbare Klang", sagt Pfarrerin Kerstin Strauch.

Der warme, dunkle Ton hatte die Luckauer in ganz besonderen Stunden und an den hohen kirchlichen Feiertagen begleitet. Doch zehn Jahre lang war die berührende Festtagsmelodie verstummt. Nachdem 2002 ein Sachverständiger in der Haube Risse entdeckt hatte, wurde die Glocke außer Betrieb genommen. "Den Luckauern hat seither was gefehlt", gesteht Irene Schmeschke. Unter den Zuschauern verfolgt sie, wie Kranführer Helmut Walter und Thomas Walter, Chef eines Uckroer Unternehmens für Läuteanlagen, oben auf dem Turm die mit Gurten gesicherte wertvolle Fracht in Zentimeterarbeit durch das eigens verbreiterte Turmfester bugsieren. Für die beiden, übrigens nicht miteinander verwandten Walters ist die Luckauer Aktion kein Job wie jeder andere. Sind doch beide gebürtige Luckauer und hatten in der Jungen Gemeinde einst die schwere Glocke per Hand geläutet. "Zu Viert, an jedem Strang zwei Glöckner", wie sich Helmut Walter erinnert.

So ist die Geschichte des Kirchenschatzes zugleich ganz persönliche Lebensgeschichte von Menschen. Nur daraus lässt sich wohl erklären, wie sich nach der ersten Veröffentlichung der Sanierungsidee eine Dynamik entwickelte und innerhalb weniger Monate das Geld zusammenkam. Bürger und Firmen spendeten. Die RUNDSCHAU half mit 5000 Euro. Die Luckauer radelten für ihre Glocke. Der Gospelchor der Partnerstadt Ilsede gab ein Benefizkonzert. Werner Martin, Initiator der Brandenburgischen Sommerkonzerte und seit vielen Jahren der Gartenstadt eng verbunden, rührte die Spendentrommel in seinem bundesweiten Netzwerk. Vor allem aber machte er es durch eine persönliche Finanzierungszusage möglich, die Instandsetzung zügig zu beauftragen. Ende Juli, am Vorabend von Werner Martins 70. Geburtstag, erfüllte der markante Klang nach einem Festgottesdienst erstmals wieder die Stadt.

"Unserer Gemeinde hat die Heimkehr der Glocke Mut und Auftrieb gegeben", sagt Pfarrerin Kerstin Strauch. Die Aktion habe gezeigt, dass anfangs utopische scheinende Projekte realisierbar seien in einer Gemeinschaft, so die Pfarrerin. "Es war ein sportliches Vorhaben, und viele haben nicht daran geglaubt, das zu schaffen", gibt Bürgermeister Gerald Lehmann im Nachhinein zu. Jetzt aber sei es für die Luckauer ein schönes Gefühl zu wissen, "dass wir auch solche Sachen stemmen können, wenn wir zusammenstehen", resümiert er.

Am heutigen Heiligen Abend wird der spezielle Klang eingangs und ausgangs der Christvesper zu hören sein, ebenso am ersten Weihnachtstag zur morgendlichen traditionellen Christmette. In der Silvesternacht wird die Glocke die Luckauer von 0 bis 0.15 Uhr in das neue Jahr begleiten, kündigt Kerstin Strauch an. Bürgermeister Lehmann sagt, er wünsche sich, dass die Menschen dann wieder an den alten Brauch anknüpfen. Demnach wurde in der Gartenstadt kein Silvesterfeuerwerk gezündet, bevor das Läuten von St. Nikolai verstummt war. Der Bürgermeister erklärt, er könne sich ein Hand-in-Hand von weltlicher und kirchlicher Gemeinde auch bei weiteren kirchlichen Projekten gut vorstellen. Luckaus Pfarrerin ergänzt, erste Gedanken gebe es, die Turmsanierung in Gießmannsdorf gemeinsam zu unterstützen. Doch wenn es dazu komme, dann wohl erst 2014.