Seelow, die Kleinstadt im Landkreis Märkisch-Oderland, ist für die Neonazis aus ganz Deutschland neues, fremdes Terrain. Vielleicht ist es damit zu erklären, dass einem Trupp von etwa 30 Rechtsextremisten am Samstagmittag eine peinliche Panne passiert. Nach ihrer Ankunft am Bahnhof schlagen sie den Weg in die falsche Richtung ein. Statt zum Marktplatz, dem Treffpunkt eines braunen „Heldengedenkens“ , marschieren sie zum russischen Gräberfeld an der Gedenkstätte der Schlacht an den Seelower Höhen. Polizeibeamte müssen sie erst darauf aufmerksam machen, dass hier gefallene Rotarmisten ihre letzte Ruhestätte gefunden haben. Die Neonazis sammeln ihre Kränze wieder ein und ziehen von dannen.

Juristischer Erfolg der Demokraten
Dass sie überhaupt ihren Marsch in diesem Jahr nach Seelow verlegen mussten, haben sie mehreren Tausend Gegendemonstranten zu verdanken, die sich bei strahlendem Sonnenschein in Halbe versammeln, um einen „Tag der Demokraten“ zu feiern. Drei Gerichte hatten die Entscheidung des Frankfurter Polizeipräsidiums bestätigt, den Demokraten in diesem Jahr die Lindenstraße in Halbe als Versammlungsort zu überlassen, den Neonazis nur den Bahnhofsvorplatz. In der Lindenstraße, in der sich in den vorhergehenden Jahren der gespenstische Neonaziaufmarsch formierte, herrscht am Samstag Volksfeststimmung. Organisationen und Parteien haben Infostände aufgebaut, die Landessportjugend eine Kletterwand. Ein Bäckerladen, der bei den rechtsextremistischen Aufmärschen der Vorjahre verschlossen blieb, hat seine Tür geöffnet, zwei Tische und ein paar Stühle davorgestellt. Es gibt Kuchen, Pizza, Kaffee und belegte Brötchen. Gelegentlich steigt ein Luftballon mit Friedenstaube in den Himmel. Ein Dutzend Rechtsextremisten, das mittags am Bahnhof in Halbe ankommt, wird von Polizisten wieder in den Zug gesetzt. Mehr bekommen die Beamten dort nicht zu tun. Vor einem Jahr mussten sie am Vortag des Volkstrauertages noch mehr als 1000 ankommende Neonazis kontrollieren.
Die Bewohner der Lindenstraße sind kaum zu sehen. Eine Rentnerin hinter ihrem Gartenzaun beklagt, dass ihr der ganze Trubel zu viel ist. „Die sind gekommen und wieder gegangen“ , sagt sie über die Neonazis, die sonst am Samstag vor dem Volkstrauertag die Lindenstraße in Halbe bevölkerten. Wenn es nach ihr ginge, könnten die wieder marschieren. Schließlich hätten die sogar die Straße sauber hinterlassen.
Jens Duven ist ganz anderer Meinung. Auch er wohnt in der Lindenstraße. Kurz vor 13 Uhr, als die Kirchenglocken im Ort läuten, geht er mit Frau und Sohn zum Friedhofsvorplatz. Dort beginnt der „Tag der Demokraten“ mit einem Gottesdienst. „Man darf nicht weggucken und die marschieren lassen. Dann provozieren sie noch mehr“ , sagt Duven über die Rechtsextremisten. Die meisten Einwohner von Halbe hielten sich aber leider aus allem heraus, sagt er. Duven stammt nicht aus dem märkischen Ort. 1992 ist er aus Hamburg hergezogen.
Während vor dem Waldfriedhof in Halbe gepredigt und gebetet wird, sammeln sich immer mehr Rechtsextremisten auf dem Marktplatz von Seelow. Obwohl sie nur fünf Tage Zeit hatten, sich darauf vorzubereiten, sorgen rund 1000 Gegendemonstranten dafür, dass es auch dort für die Extremisten ungemütlich wird. Ortsschilder sind mit Aufklebern „nazifrei“ versehen. Jeder Trupp Rechtsextremisten, der im Ort ankommt, wird von der Polizei zum Treffpunkt am Marktplatz eskortiert.
Der Weg dorthin wird zum Spießrutenlauf. Immer wieder schallen den Rechtsextremisten Trillerpfeifen und „Nazis-raus“ -Rufe entgegen. Manchmal haben Polizisten Mühe, aufgebrachte Seelower zurückzuhalten.
„Die werden hier richtig in die Zange genommen“ , freut sich Frank Giesen am Marktplatz von Seelow. Auf der einen Seite stehen die protestierenden Bürger, auf der anderen Seite linksautonome Antifa-Gruppen, die den Platz mit einer großen Musikanlage beschallen. Giesen ist mit seiner Frau aus Berlin angereist, um Seelowern wie Andrea Knappe beizustehen. Die ist mit ihrer Nachbarin Ingrid Siebert zum Bürgerprotest gekommen. Über die „Helden“ -Marschierer kann Andrea Knappe nur den Kopf schütteln: „Ich kann nicht nachvollziehen, wie man für so ein menschenfeindliches Gedankengut offen sein kann.“
In Halbe haben derweil Demonstranten eine Menschenkette vom Friedhof bis zur Bühne in der Lindenstraße gebildet. Sie halten mehr als einhundert bunte Transparente in die Luft, die Brandenburger Schüler aus allen Teilen des Landes angefertigt haben. Es geht darauf um Weltoffenheit, Demokratie und Ablehnung von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Auch viele Lausitzer Schulen haben sich an der Aktion beteiligt.
Bevor Politiker zu den Versammelten reden, singt Heinz-Rudolf Kunze. Sein Vater sei auch bei der Waffen-SS gewesen, sagt er zwischen zwei Liedern. Dafür habe er elf Jahre in Sibirien gebrummt.
In Seelow beginnt zur selben Zeit ein Zug von rund eintausend Rechtsextremisten seinen Marsch zum städtischen Friedhof. Abgeschirmt von Polizisten laufen sie schweigend durch eine Nebenstraße. Der Friedhof selbst bleibt ihnen verschlossen. Ihre Kränze müssen sie an der Außenmauer ablegen.
In Halbe feiern derweil die Demokraten ihren Erfolg. Achttausend Menschen, so die Veranstalter, seien gekommen. Jahre zuvor hatte es klein angefangen. Erst gab es nur lokalen Widerstand dagegen, dass die Toten der Kesselschlacht auf dem Waldfriedhof als „Helden“ des „Kampfes gegen den Bolschewismus“ missbraucht werden. Dann bildete sich ein regionales Bündnis. Im vorigen Jahr versperrten 2000 Demonstranten den Extremisten den Weg zum Friedhof. Die Polizei ließ die Straße nicht gewaltsam räumen. Zornbebend zogen die Neonazis ab .

Offene Auseinandersetzung
„Wir brauchen die offene und klare Auseinandersetzung mit den Nazis“ , sagt Ministerpräsident Mathias Plat zeck (SPD), der trotzdem für ein NPD-Verbot plädiert. Die Demokratie müsse es den Extremisten so schwer wie nur möglich machen. „Wir sind heute in Halbe unter uns, was für ein Tag“ , freut sich Innenminister Jörg Schönbohm (CDU). Der blickt auch nach vorn, denn er weiß, für immer wird den Neonazis durch die Gerichte die Lindenstraße nicht versperrt bleiben. „Wir werden uns auch damit ausein ander setzen müssen, wenn die hier wieder demonstrieren dürfen und ich hoffe, wir können dann wieder zeigen, wir sind mehr“ , ruft er den Demonstranten zu.
Während die Veranstaltung in Halbe zu Ende geht, warten in Seelow noch Hunderte Neonazis nach ihrem Marsch auf dem Marktplatz. „Die passen halt nicht alle in die Regionalbahn und so oft halten bei uns keine Züge“ , sagt der Landrat von Märkisch-Oderland, Gernot Schmidt (SPD), und grinst. Eine Stunde später fegen Bürger symbolisch den Marktplatz. Ein Stadtangestellter sammelt am Friedhof die Kränze der Neonazis ein und bringt sie zum Bauhof.

hintergrund Kriegsgräber in Halbe und Seelow
  In Halbe tobte im April 1945 die letzte große Kesselschlacht des Zweiten Weltkrieges. In aussichtsloser Lage lehnten die deutschen Kommandeure eine Kapitulation ab. Bei den Kämpfen starben 30 000 deutsche Soldaten, 20 000 Rotarmisten und mehr als 10 000 Zivilisten. 28 000 Kriegstote ruhen auf dem Waldfriedhof.
Auf dem städtischen Friedhof in Seelow ruhen 649 deutsche Soldaten, die bei den Kämpfen um die Seelower Höhen fielen. Dort begann die Rote Armee ihre letzte Großoffensive vor dem Sturm auf Berlin. Bei den Kämpfen um den Höhenzug starben im Winter und Frühjahr 1945 rund 100 000 Soldaten verschiedener Nationen.