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| 01:29 Uhr

Der Tag, als der Terror nach Amerika kam

Auch sieben Jahre danach sind die Terroranschläge vom 11. Septem ber 2001 das Trauma der Amerikaner. Der erste gravierende Angriff auf US-Boden in der modernen Geschichte dient Präsident George W. Bush seither als Rechtfertigung für Kriege, den Ausbau des Sicherheitsapparats und nach Ansicht vieler Kritiker auch für Menschenrechtsverletzungen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain sieht im „islamischen Extremismus“ die „Herausforderung dieses Jahrhunderts“. Für den demokratischen Kontrahenten Barack Obama befinden sich die USA „im globalen Krieg gegen den Terror“. Von Laszlo Trankovits

Dabei gibt es unter Experten einen erbitterten Streit über das wahre Ausmaß der Terrorgefahr für die USA. Viele glauben, dass die Bedrohung Amerikas durch Terroristen aus politischem Kalkül und zur Rechtfertigung einer aggressiven Politik aufgebauscht wurde. Andere betrachten es nur als eine Frage der Zeit, wann die freie Welt von Terroristen mit Massenvernichtungswaffen attackiert wird.


Übertriebener Mythos?

Die Terrorgefahr sei ein „Mythos“ und „maßlos übertrieben“, glaubt Prof. John Mueller von der Universität Ohio. Wenn Al Qaida „tatsächlich so entschlossen und erfinderisch wäre“, wie Geheimdienste unterstellen, hätten Terroristen schon längst zugeschlagen. Schließlich bewiesen Hunderttausende illegaler Immigranten jährlich, wie leicht es sei, über die mexikanische Grenze in die USA zu kommen. Offensichtlich „versuchen sie es nicht ernsthaft oder sind weit weniger entschlossen, teuflisch und fähig wie angenommen“.

Bei allen Anschlägen seit 9/11 – den Anschlägen vom 11. Sep tem ber 2001 – außerhalb Afghanistans und des Iraks seien „weniger Menschen getötet worden als in einem Jahr in den USA in Badewannen ertrinken“, so Mueller. „Wir dürfen nicht das überzeichnete Schreckgespenst unserer Führer akzeptieren. Wir müssen die Dschihadisten sehen, wie sie wirklich sind: wenige, tödliche, zerstrittene und elende Gegner“, schrieb der jahrelange CIA-Mitarbeiter Glenn Carle in der „Washington Post“.
Auch Prof. Marc Sageman von der Universität Pennsylvania, ein Ex-Geheimdienstoffizier, relativiert die Bedrohung durch Al Qaida. In all den Jahren des intensiven Suchens sei es dem FBI nicht gelungen, „auch nur eine einzige Al-Qaida-Zelle“ in den USA aufzudecken. Osama bin Laden könne sich im afghanisch-pakistanischen Grenzgebiet auf vielleicht 200 Mann stützen, die Planung spektakulärer Anschläge scheine unwahrscheinlich – das widerspricht völlig dem Bericht der US-Geheimdienste vom Frühjahr, in dem es heißt, Al Qaida habe wieder die Schlagkraft und die Kapazitäten wie im Jahr 2001.

Polizeiarbeit ausreichend

Für Sageman geht die wirkliche Terrorgefahr von „führerlosen“ Islamisten vor allem in Europa aus, „Möchtegern-Dschihadisten“, die höchstens übers Internet zeitweise und punktuell vernetzt seien. Gegen solche „eher unglückliche und bemitleidenswerte“, oft isolierte Leute sei effiziente Polizeiarbeit ausreichend. Die Vorstellung, sie könnten nukleare Waffen einsetzen, sei „extrem weit hergeholt“. Wirklich gefährlich könnten diese Individuen nur werden, wenn eine unkluge US-Politik „mit übertriebenen Aktionen“ den Extremismus anheize.

Daniel Benjamin vom Brookings-Politikinstitut in Washington glaubt zwar, dass Al Qaida „gerne US-Ziele angreifen würde, am liebsten mit einer schmutzigen Bombe“ – allein sei sie dazu aber nicht in der Lage. Al Qaidas Strategie sei, „nur dann zuzuschlagen, wenn es mindestens die Dimension von 9/11 hat“, sagte der Ex-Sicherheitsberater von Ex- Präsident Bill Clinton. Aber offenbar fehlten den Terroristen Unterstützung in den USA und Mittel für einen verheerenden Angriff.

Der angesehene Philosoph Philip Bobbitt, der schon sechs US-Präsidenten diente und dessen Rat auch McCain und Obama suchen, sieht im modernen Terrorismus „eine Gefahr für die Menschheit ohne Vorbild“, die die Fundamente der Demokratien bedrohe. Er fordert ein völliges Umdenken: Der ausufernde, dezentrale Terrorismus spiegele die Globalisierung wider, in der sich Nationalstaaten massiv veränderten und allein weder den Wohlstand der Bürger noch ihre Sicherheit garantieren könnten. Angesichts der Ohnmacht von Einzelstaaten und der Unfähigkeit der Vereinten Nationen müsse eine Liga der Demokratien entstehen, deren Sicherheitskräfte gemeinsam den Terror wie Naturkatastrophen bekämpften, so lautet die These im jüngsten Buch des Professors.

Marktgesetze des Terrors

Eine besonders düstere Perspektive zeichnet der englische Schriftsteller Martin Amis im „Wall Street Journal“: Zwangsläufig werde es bald Terroranschläge mit Massenvernichtungswaffen geben. Dabei wirken laut Amis „Marktgesetze“: Es werde immer einfacher und billiger, chemische oder biologische Waffen herzustellen. Die Anschläge in den USA im Jahr 2001 mit ein paar Gramm Anthrax hätten 2500 Dollar gekostet, fünf Menschen getötet und 17 verletzt – aber schon allein das habe das Land fast in Panik versetzt und den Staat alles in allem eine Milliarde Dollar gekostet. Es müssten sich bloß die Konsequenzen vorstellt werden, jemand würde Anthrax aus einem kleinen Flugzeug in die Luft streuen und so Hunderttausende Menschen töten.