Rein zahlenmäßig haben sich die Chancen junger Leute auf passende Lehrstellen verbessert. Es fehlen aber die jungen Leute. Gerade in den ostdeutschen Flächenländern wird der Lehrling zur Randerscheinung. Das haben Wissenschaftler im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ermittelt. Der gestern veröffentlichte Ländermonitor sieht die duale Bildung auf dem absteigenden Ast. Seit 2007 ist die Zahl der Lehrstellen-Bewerber bundesweit von 756 000 auf 613 000 gesunken.

Im Osten beträgt der Schwund fast 50 Prozent. In Sachsen wollten 2007 noch 39 000 Jugendliche eine Lehre anfangen - 2013 nur noch 20 000. Brandenburg liefert ein ähnliches Bild, hier wollten 2013 nur noch 8500 Bewerber eine Lehre.

Parallel zur Nachfrage schwinden auch die Lehrstellen - in beiden Ländern um rund 40 Prozent. Kleinbetriebe unter 50 Beschäftigten reduzieren ihre Ambitionen, Nachwuchs heranzuziehen. Und das, obwohl doch auch unter den Handwerksmeistern ein Umdenken einsetzt. Im sächsischen Handwerk wurden laut Wirtschaftsministerium 2014 sechs Prozent mehr duale Ausbildungsverträge abgeschlossen. Für eine Trendumkehr reicht das aber nicht.

Die klassische Lehre, sie hat auch ein Imageproblem. Dabei galt sie mal als Kernstück der deutschen Berufsbildung. Um mehr gute Schulabgänger in die Betriebe zu bringen, führte Sachsen 2013 eigens die Oberschule ein. Doch die steht auf dem Markt in Konkurrenz mit vielen anderen Bildungsangeboten. Die meisten Schüler und Eltern halten weiterhin das Abitur für den goldenen Weg zum beruflichen Erfolg. Wirtschaft und Kultus dagegen halten die Lehre für den goldenen Weg hin zu mehr Fachkräften. "Wir müssen mehr junge Leute dazu kriegen, die Wertigkeit und die Chancen der dualen Berufsausbildung zu erkennen", sagt CDU-Bildungsexperte Lothar Bienst. Gesund wäre, so meint der Landtagsabgeordnete, wenn 25 bis 30 Prozent eines Jahrgangs ans Gymnasium gingen. Dann blieben zwei Drittel für die Oberschulen, um sie dort auf die duale Ausbildung vorzubereiten. Aktuell aber liegt laut Bienst das Verhältnis bei 50 zu 50. "Von denen, die Abitur haben, gehen nur ganz wenige in die duale Ausbildung."

An denen, die bestenfalls einen Hauptschulabschluss mitbringen, hat die Wirtschaft dagegen wenig Interesse. Machten die 2005 in Sachsen noch 65 Prozent der Bewerber aus, sind es aktuell nur noch 56. Immer noch besser als im Bundesdurchschnitt, wo laut Studie nur 51 Prozent der Hauptschulabgänger fündig werden.

Dass der Rest in Übergangsmaßnahmen geparkt wird, ist oft kritisiert worden. Dort können Jugendliche zwar teilweise Schulabschlüsse nachholen oder verbessern, jedoch keine Berufsabschlüsse erwerben.

Der Fehler liege im System und nicht bei den Jugendlichen, kritisieren die Grünen im Bundestag. Sie fordern eine gute Berufsorientierung und mehr individuelle Förderung für alle Schulen - am besten in einer Ganztagsschule. Um der Lehrausbildung neuen Schwung zu geben, probiert es Sachsen mit neuen Modellen, wie der dualen Berufsausbildung mit Abitur. Der Weg zum Doppelabschluss dauert vier Jahre. Die ersten 19 Absolventen dieses Schulversuchs bekamen im Juli ihre Zeugnisse.