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Der steinige Weg der Rückkehrer in die Heimat

Rückkehrertag Ende 2016 im Rathaus Senftenberg: Maik und Anja Overbeck lassen sich beraten. Die junge Familie will in diesem Jahr aus der Schweiz zurückkommen.
Rückkehrertag Ende 2016 im Rathaus Senftenberg: Maik und Anja Overbeck lassen sich beraten. Die junge Familie will in diesem Jahr aus der Schweiz zurückkommen. FOTO: jag
Cottbus/Bautzen. Erst Wegzugsprämie, jetzt Rückkehrerbörsen. Viele ehemalige Lausitzer wollen zurück in die alte Heimat. Aber manchmal ist der Heimweg steinig. Christian Taubert

Brandenburgs Wegzugsprämie hat nur anderthalb Jahre Bestand gehabt. Stets von Kritik begleitet verkündete der damalige Arbeitsminister Alwin Ziel (SPD) Mitte 2002, "dass die Mobilitätshilfe abgeschafft wird". Konnten Arbeitslose damals einen festen Job in den alten Bundesländern nachweisen, wurden ihnen vom Arbeitsamt finanzielle Hilfen von jeweils 2556 Euro gewährt.

Was damals der Tatsache geschuldet war, dass Arbeitslosenquoten in Regionen des Landes über 20 Prozent lagen und von heute einstelligen Quoten nur geträumt werden konnte - diese Situation hat sich inzwischen ins Gegenteil verkehrt. Unternehmen suchen händeringend Fachkräfte. Wer aus den alten Bundesländern, Österreich, der Schweiz oder skandinavischen Ländern in die Heimat zurückkommen will, dem wird zumindest in puncto Beratung der rote Teppich ausgebreitet.

500 Interessenten in den Kommunen des Regionalen Wirtschaftskerns Westlausitz, 600 bei der Veranstaltung "wiederda" in Bautzen oder 300 beim Rückkehrertag im Cottbuser Rathausfoyer - zwischen Weihnachten und Neujahr ist Hochkonjunktur für "Besucher" in der Heimat.

Sie kommen mit der ganzen Familie, auch die Eltern erkundigen sich über Möglichkeiten für ihre Kinder und Enkel. Sie stehen vor den ellenlangen Listen mit Arbeitsangeboten in nahezu allen Branchen - eine Situation, die zum Zeitpunkt ihres Wegzuges eine ganz andere war. Sie nutzen die Beratungsangebote der Kammern, wenden sich an Experten der Jobcenter und Arbeitsagenturen. Sie kommen mit Arbeitgebern ins Gespräch, die inzwischen wegen einer schnellen Kontaktaufnahme auch selbst vor Ort sind.

Im Regionalen Wirtschaftskern (RWK) Westlausitz ist der Rückkehrertag unter dem Motto "Damit Heimat wieder Zuhause wird" erstmals angeboten worden. "Wir sind überwältigt von der großen Resonanz und dem Interesse", zeigte sich Senftenbergs Bürgermeister Andreas Fredrich (SPD) überrascht, wie viele den Besuch bei Eltern, Verwandten und Freunden vor dem Jahreswechsel nutzten, um Rückkehrmöglichkeiten zu sondieren.

Der Bürgermeister von Schwarzheide, Christoph Schmidt (parteilos), konnte in vielen Gesprächen mit Rückkehrwilligen feststellen, "dass beim überwiegenden Teil bereits konkrete Pläne für eine Rückkehr in die Heimat bestehen". Die Gründe würden von der Übernahme von Wohneigentum bis zu bereits vorhandenen Arbeitsangeboten reichen. Für Schmidt, der 2017 den RWK Westlausitz geschäftsführend leitet, lohne eine Neuauflage in diesem Jahr.

Das trifft im RWK-Bereich auch auf Finsterwalde, Lauchhammer und Großräschen zu. Wohnen, Arbeiten und Erholen am Ufer des künftigen Großräschener Sees - damit konnte Bürgermeister An-dreas Zenker (SPD) bei den potenziellen Rückkehrern punkten. Zudem verweist er darauf, dass sich eine Reihe von Besuchern auf mehreren Rückkehrertagen im RWK-Gebiet beraten lassen hat, sodass sich das Fünf-Städte-Konzept im Wirtschaftskern offenbar ausgezahlt hat.

Nach einer Studie des Leibniz-Instituts für Länderkunde (IfL) Leipzig rangiert der Oberspreewald-Lausitz-Kreis mit einer Rückkehrerrate von rund neun Prozent in der Region vorn. Die Forscher verweisen zudem darauf, "dass Rückwanderung für viele Regionen in Ostdeutschland zu einem Hoffnungsträger bei der Bewältigung demografischer Probleme geworden ist".

Das gelte umso mehr, als Ostdeutsche, die in ihre Heimatregionen zurückkehren, im Vergleich zu den nicht nach Westdeutschland abgewanderten Beschäftigten deutlich jünger sind und überwiegend im ländlichen Raum leben.

In den drei Jahren Rückkehrerbörse "wiederda" in Bautzen, zu der diesmal 600 Interessenten kamen, haben auch immer mehr Unternehmer Präsenz gezeigt. Von zwölf auf 63 ist ihre Anzahl gestiegen. "Jetzt müssen den intensiven Gesprächen noch mehr konkrete Arbeitsverhältnisse folgen", hofft Birgit Weber, Beigeordnete beim Landkreis. Das größte Hindernisse bleibt hier wie vielerorts im Osten die zum Teil deutlich niedrigere Bezahlung. Und: Oft passen Arbeitsplätze nicht adäquat zur Qualifikation der Rückkehrer.

Dass Fragestellungen der Besucher längst über die Jobsuche hinausgehen, darauf hat Cottbus seit 2015 mit einem "Beratungspaket" reagiert. Wenn Kinderbetreuungsangebote, Wohnmöglichkeiten und die Infrastruktur zur Arbeitsstelle nachgefragt werden, stehen Vertreter der Kammern, große Wohnungsanbieter oder das Jugendamt bereit, erklärt die Pressesprecherin der Arbeitsagentur Cottbus, Anja Wierik.

Unterdessen lenkt die Handwerkskammer Cottbus die Gespräche auch darauf, einen Betrieb zu führen. Mit entsprechender Qualifikation, Interesse und Erfahrung aus dem Job in den vergangenen Jahren, so Kammer-Pressesprecher Michel Havasi, lässt sich auch ein Unternehmen als Geschäftsführer leiten.

Dafür müsse man nicht unbedingt in dem Handwerk ausgebildet sein, verweist Havasi auf rund 2000 Unternehmensnachfolgen in den nächsten fünf Jahren, für die noch viele Bewerber gesucht werden.

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Steckbriefe aus Cottbus: Beim Rückkehrertag im vergangenen Jahr wurden rund 100 Anmeldebögen ausgegeben. Etwa 20 sind bisher ausgefüllt zurückgekommen. Die Arbeitsagentur fertigt daraus anonyme Steckbriefe mit Qualifikationen, Berufserfahrung und Jobwunsch. Aktuell gibt es für Cottbus 80 Steckbriefe. Über einen monatlichen Newsletter gelangen sie an Netzwerkpartner. Mit interessierten Arbeitgebern wird der Kontakt hergestellt. Die Willkommensagentur "Comeback Elbe-Elster" hat beim Rückkehrertag in Finsterwalde Kontakt zu 40 Interessenten hergestellt. "Sie erhalten alle per Mail ein Feedback. Dabei sind auch Links zu interessanten Arbeitgebern." Agenturchefin Stephanie Auras verfolgt mit ihren Ehrenamtlern danach eine detailliertere Strategie: Für einen Geologen werde der Kontakt zum Institut für Bergbaufolgelandschaften in Finsterwalde und für einen Berufskraftfahrer zu einem schon zurückgekehrten Berufskraftfahrer vermittelt. "Das funktioniert gut, doch im Ehrenamt stoßen wir an unsere Grenzen", sagt Stephanie Auras.