Frau Reiche, Sie sind verheiratet, haben drei kleine Kinder. Sie und auch Ihr Mann, Sven Petke, sind Berufspolitiker. Wie managen Sie beide die Pflichten in Familie und Politik„
Durch einen funktionierenden Familienverbund. Wir teilen uns als Ehepaar die Aufgaben und haben zudem das Glück, sehr liebevolle Großeltern zu haben. Darüber hinaus nutzen wir natürlich das, was in Brandenburg an Infrastruktur vorhanden ist - Tagesmutter, Kindergärten und Hortbetreuung in der Schule. Und damit lassen sich dann - unabhängig von den kleinen Alltagsschwierigkeiten - Familie und Beruf miteinander verbinden.

Wie läuft das in Ihrer Familie praktisch ab“
Wir haben am Tag einen Fixpunkt - das ist das Frühstück. Wir sitzen alle gemeinsam am Tisch, sprechen mit einander und haben füreinander Zeit. Durch unseren Beruf sind wir terminlich sehr eingespannt, aber durch gute Organisation und externe Hilfe ist viel zu schaffen.

Entspricht Ihr jetziges Leben Ihren Vorstellungen von Familie und Beruf oder müssen Sie Kompromisse machen, die Sie eigentlich ablehnen„
Jede Familie lebt ihr eigenes Lebensmodell. Und egal, wie man es organisiert, Kompromisse gehören dazu. Improvisieren auch. Der Staat darf den Familien nicht reinreden. Es ist aber wichtig, dass die Politik einen Rahmen für echte Wahlfreiheit schafft. Aber in der Realität ist es mit der Wahlfreiheit nicht weit her.

Was gehört für Sie unbedingt zu diesen Rahmenbedingungen“
Zum einen brauchen Familien finanzielle Sicherheit. Da hat die Bundesregierung das Elterngeld eingeführt und 2003 die Möglichkeit geschaffen, haushaltsnahe Dienstleistungen und Kinderbetreuung teils steuerlich absetzen zu können. Dennoch ist Kinderreichtum immer noch ein Armutsrisiko. Die Wahlfreiheit, zu Hause bleiben und sich der Erziehung der Kinder widmen zu können, haben nicht mehr viele Menschen.
Zum anderen brauchen Familien eine entsprechende Infrastruktur. In Ostdeutschland haben wir ausreichend Krippen-, Kita- und Ganztagsschulplätze, über Vielfalt und Qualität muss sicher noch geredet werden. In Westdeutschland besteht aber de facto keine Wahlfreiheit. Wenn es nicht ausreichend Betreuungsplätze gibt, ist ein Partner gezwungen, zu Hause zu bleiben. Zudem gibt es in Deutschland immer mehr Scheidungen und immer mehr Alleinerziehende. Wenn diese nicht von staatlicher Hilfe abhängig sein, sondern die Möglichkeit haben sollen, selbst für ihren Lebensunterhalt zu sorgen, brauchen wir Betreuungsplätze - und daran besteht im Westen Nachholbedarf.

Kritiker der CDU-Bundesfamilienministerin sagen, Kinderbetreuung ist Ländersache. Wie weit betrifft das auch die Kosten„
Soll ein Projekt oder eine Idee beerdigt werden, erklärt man sie für nicht bezahlbar. Sicherlich ist die Finanzierung von 750 000 Plätzen bis 2012 ein Kraftakt. Aber das sollten uns unsere Kinder wert sein. Ich glaube, dass der einzige Weg, die Institution Familie zu erhalten, ist, Möglichkeiten für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Frauen und für Männer zu schaffen - echte Wahlfreiheit also. Und dafür braucht es Geld und Infrastruktur.

Was würden Sie inhaltlich anders machen als die Ministerin“
Ich unterstütze die Ministerin auf ganzer Linie. Ich habe mit ihr in der Familienkommission zusammengearbeitet. Dort haben wir unter anderem auch das jetzt vorgeschlagene beitragsfreie Vorschuljahr diskutiert. Das und andere Projekte vertreten wir gemeinsam.

Brauchte es für diese Debatte solch' eine Ministerin - selbst mehrfache Mutter, berufstätig, 15 Jahre jünger als ihre Vorgängerin im Amt und mit entsprechenden Erfahrungen„
Ursula von der Leyen setzt sich mit viel Mut, Engagement und Streitlust für Familien ein. Mit ihr haben wir eine Ministerin, die die Suche nach modernen Antworten verbindet mit einem durchaus konservativen Familienbild. Für sie ist die Familie eine Verantwortungsgemeinschaft über Generationen hinweg. Sie lässt dieses Ideal aber in praktische Politik münden.

Ticken bei Fragen über Kinder und Familie Ost- und Westdeutsche anders“ Gibt es Unterschiede zwischen protestantisch und katholisch geprägten Regionen„
Ich kann da keine grundsätzlichen Unterschiede sehen. Aber Familienpolitik ist die Politik, die am stärksten die Privatsphäre von Menschen berührt. Jeder hat eine Familie. Das ist ein Feld, in dem jeder einen Beitrag leisten kann. Deshalb werden familienpolitische Vorschläge immer sehr persönlich genommen. Wer lässt schon gern seinen Lebensentwurf von Dritten infrage stellen. Aber wir reden endlich über die Bedürfnisse von Familien. Familie und Kinder brauchen eine starke Lobby.

Sachsens Kultusminister Steffen Flath (CDU) hat vor zu viel Staat in der Kinderbetreuung gewarnt. Wie groß sind Ihre Probleme damit“
Ich möchte auch nicht, dass mich der Staat zu einem Lebensmuster zwingt. Darum geht es ja auch nicht. Unsere Familienpolitik soll Hilfe für Familien sein, ihr Leben besser meistern zu können. Zudem können es sich junge Frauen häufig gar nicht leisten, für viele Jahre aus dem Beruf auszusteigen, weil ihre Chance auf Rückkehr immer geringer wird. In vielen Familien reicht auch ein Einkommen gar nicht mehr aus. Und darum ist es wichtig, dass der Staat entsprechende Voraussetzungen schafft, egal, ob das Tagesmütter, Krabbelgruppen oder Ganztagsschulplätze sind. Manche Ostdeutsche werden sich jetzt wundern und sagen, das hatten wir doch alles schon mal. Denn die Kita als Bildungseinrichtung ist in den neuen Ländern nicht unbekannt. Das erfordert dann allerdings auch eine veränderte Ausbildung der Erzieher.

Für ostdeutsche Kindergärten wird also das Rad neu erfunden?
Nein, das nicht. Eine "Früher-war-alles-besser-Haltung" teile ich nicht. Vielen Elementen, die die Kindergärten in der DDR prägten, trauert keiner nach. In der DDR war alles auf Gleichmachen ausgerichtet, heute ist pädagogische Vielfalt gefragt. Die systematische frühpädagogische Förderung muss in Deutschland entwickelt werden. Die Zeiten haben sich auch geändert. Nur ein Beispiel: Früher war es unnötig, sich mit Medienpädagogik zu befassen. Heute ist das ein wichtiges Thema.

Mit Katherina Reiche
sprach Andreas Blaser