Der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch hat jetzt großes Publikum: Die ganze Welt schaut auf ihn. Doch die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine hilft ihm gerade nicht besonders, sein Land vorteilhaft zu präsentieren. Ganz im Gegenteil. Die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit hat sich auf seinen Umgang mit Oppositionellen gerichtet, allen voran Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko.Das hat er sich vermutlich anders vorgestellt.

Internationale Sportveranstaltungen wurden ja schon immer genutzt, um Politik zu machen. Die Zielrichtungen waren dabei ganz unterschiedlich: Nazi-Diktator Adolf Hitler missbrauchte die Olympischen Spiele 1936 zu Propagandazwecken, das südafrikanische Apartheid-Regime wurde über den Ausschluss von Sportveranstaltungen isoliert und im Kalten Krieg geriet der Sport zwischen die Fronten des Ost-West-Konflikts. 2008 wurde Olympia in Peking zur Plattform für Proteste gegen die Menschenrechtslage.

"Sport ist die wahrscheinlich größte Kommunikationsplattform der Welt", sagt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach. Das ist aber nicht erst so, seitdem Fußball-Weltmeisterschaften und Olympische Spiele von Milliarden Fernsehzuschauern weltweit verfolgt werden. Schon bei den "Olympischen Zwischenspielen" 1906 schwenkte der Weitspringer Peter O'Connor die irische Flagge, um für die Unabhängigkeit seines Landes von Großbritannien zu demonstrieren.

1908 in London weigerte sich das finnische Team, hinter der Fahne Russlands zu marschieren, zu dem das damalige autonome Großfürstentum gehörte.

1968 nutzte die US-amerikanische Bürgerrechtsbewegung die Olympischen Spiele in Mexiko, um gegen Rassendiskriminierung zu demonstrieren. Die farbigen 200-Meter-Läufer Tommie Smith und John Carlos reckten auf dem Podest ihre in schwarze Handschuhe gehüllten Fäuste in die Luft - das Symbol der "Black Power"-Bewegung.

"Die Wirksamkeit solcher Aktionen war unterschiedlich, ist aber insgesamt als beträchtlich bis stark zu werten", sagt der Kölner Sportpolitik-Professor Jürgen Mittag. Nicht zu unterschätzen sei beispielsweise der Ausschluss Südafrikas von internationalen Sportveranstaltungen während des Apartheid-Regimes. Als Flop wertet Mittag hingegen die zahlreichen Olympia-Boykotte zu Zeiten des Kalten Krieges.1980 verzichteten die USA und in ihrem Gefolge rund 40 weitere westliche Staaten auf die Teilnahme an den Spielen in Moskau. Anlass war der sowjetische Einmarsch in Afghanistan. Die Sowjetunion und 13 Bruder-Staaten revanchierten sich 1984 mit dem Boykott der Spiele in Los Angeles. Politisch blieben diese Aktionen wirkungslos, bei den Sportlern riefen sie erhebliche Frustrationen hervor.

Im Fall der EM in der Ukraine wird ein Boykott wohl auch wegen der Erfahrungen in den 80er-Jahren gar nicht erst diskutiert. Stattdessen distanziert sich die Politik von der Regierung um Präsident Viktor Janukowitsch, indem sie mit dem Verzicht auf einen Besuch in den EM-Stadien droht.

"Genau mit dieser kritischen Wahrung von Distanz vermag man es, Veränderungsprozesse in die Wege zu leiten", so Mittag. Man dürfe den Sport aber nicht überfordern, betont er. "Der Sport ist nicht in der Lage, für die Einhaltung und Umsetzung der Charta der Vereinten Nationen zu sorgen. Dies ist Aufgabe der Politik", sagte auch Sportbund-Präsident Bach.

Zum Thema:
Mit scharfen Worten hat der russische Präsident Dmitri Medwedew den Umgang der Ukraine mit Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko kritisiert. Die Inhaftierung der Oppositionsführerin sei "völlig inakzeptabel" und werfe einen tiefen Schatten auf das Nachbarland, sagte Medwedew bei einem Treffen mit Menschenrechtlern in Moskau. In Kiew forderte der Oppositionspolitiker Vitali Klitschko indes eine schnelle Aufklärung der Bombenserie mit 30 Verletzten in der Stadt Dnjepropetrowsk. "Bis wann wollen Sie den Ukrainern und den westlichen Freunden, die zur Fußball-Europameisterschaft kommen wollen, eine klare Antwort über den Schuldigen geben?", fragte der Boxer bei einer TV-Debatte den Vize-Geheimdienstchef Wladimir Rokitski. Er habe Anrufe aus Deutschland erhalten, dass dortige Fans "massenhaft" EM-Tickets zurückgeben, sagte Vitali Klitschko. In Dnjepropetrowsk, der Heimatstadt Timoschenkos, waren am Freitag vier Bomben explodiert. dpa