Der Grabstein aus Granit auf einem kleinen Friedhof am Rhein hat eine schlichte Aufschrift: "Horst Garau 1939 - 1988." Nichts deutet darauf hin, welch deutsch-deutsches Schicksal dort begraben liegt. Es ist die Geschichte eines Mannes, der zwischen zwei Geheimdiensten stand. Und die seiner Witwe, "die verbittert, tief getroffen und enttäuscht ist, weil sie sich so sehr gewünscht hatte, dass ihrem Mann Gerechtigkeit widerfahren wäre", so ein Bekannter.
Interviews gibt Gerlinde Garau, die heute zurückgezogen im Rheinland lebt, nicht mehr. Auch die Ausstellung "Duell im Dunkel" im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig, die derzeit läuft, öffnet nur einen Spalt weit die Tür ins Schattenreich deutsch-deutscher Spionage. Die meisten Akten der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des Ministeriums für Staatssicherheit sind kurz vor der Wende vernichtet worden. Der bundesdeutsche Geheimdienst mauert, gibt keine Auskünfte zu ehemaligen Mitarbeitern.

Nur eine Handvoll Originaldokumente wirft noch Licht auf das Schicksal Horst Garaus, der einst durchaus sozialistische Ambitionen hatte. Mühelos kletterte er in der DDR die Karriereleiter hoch. In den 60er-Jahren Physik- und Polytechnik-Lehrer an der 6. Oberschule in Cottbus, in den 70ern Schulinspektor, einen Einser-Lehrgangsabschluss an der Cottbuser SED-Bezirksparteischule, dann ab 1979 Kreisschulrat in Calau.

Garau reiste viel - angeblich zu wissenschaftlichen Kongressen oder zu anderen Anlässen ins westliche Ausland. Er unterhielt private Kontakte zu Margot Honecker, ging in Döbbrick bei Cottbus auf die Jagd, setzte sich für Kinder ein. Und seinen Genossen erzählte er "wichtigtuerisch von West-Deutschland und England", wie ein Zeitzeuge aus dem damaligen Schulbetrieb berichtet, der wie fast alle Weggefährten Garaus seinen Namen nicht in der RUNDSCHAU lesen will.

Andere beschreiben Garau als "politisch super-korrekt", "hilfsbereit, aber auch sehr egozentrisch", "als Frauenheld, der gerne mal einen getrunken hat", und als jemanden, der trotz seiner jovialen Art keine Freunde hatte.

"Dass Garau engere Beziehungen zur Staatssicherheit unterhielt, wusste eigentlich jeder." Sagt ein Zeitzeuge heute. Dass er aber eine derartige Rolle gespielt hat, hat ihn im Nachhinein aufgewertet. "Wir hatten seine Erzählungen für Spinnereien gehalten."

Agent aus Überzeugung

Seit Anfang der 70er-Jahre arbeitete Garau für den Geheimdienst der DDR. Sein Auftrag: Als Kurier für die Hauptverwaltung Aufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) Mikrofilme und Konstruktionspläne aus dem Westen nach Ost-Berlin bringen. Ab 1976 gab er DDR-Kundschaftern im Westeinsatz Instruktionen.
Eigentlich war Garau Spion aus Überzeugung. Bis er entdeckte, so die Witwe vor Jahren in einem Interview, dass Spionage-Chef Markus Wolf sogar einem wie ihm misstraute und ihn bespitzeln ließ. Da vertraute er sich dem bundesdeutschen Verfassungsschutz an, wurde 1977 Doppelagent.
Sein Chef in Köln: Oberamtsrat Klaus Kuron. Ausgerechnet dieser Mann diente sich aus Geldgier später dem MfS an. Sein Judaslohn: Rund 700 000 Mark. Seine Leistung: Von den 19 "umgedrehten" DDR-Spionen, die er führte, verriet er 18 an die HVA, darunter Garau.

Um sich selbst keinem Verdacht auszusetzen, hatte Kuron mit dem MfS vereinbart, dass die von ihm verratenen Personen nicht verfolgt würden. Spionage-Chef Markus Wolf hielt sich an diese Abmachung - bis Hansjoachim Tiedge, ein alkoholsüchtiger, hoffnungslos verschuldeter und von familiären Problemen geplagter leitender Beamter im Bundesamt für Verfassungsschutz, sich im August 1985 in die DDR absetzte. Für Wolf war das die ideale Gelegenheit, zuzugreifen. Der Verrat, glaubte der westdeutsche Geheimdienst, gehe auf Tiedges Konto. Kuron blieb unbehelligt.

Garau und seine Frau hingegen wurden fünf Tage, nachdem Tiedge übergelaufen war, verhaftet. "Zwei Männer standen in der Tür, befahlen: Mitkommen nach Berlin!", erklärte Gerlinde Garau vor Jahren. "Die Stasi-Leute sagten mir: Ihr Mann ist verloren. Reden Sie! Ich hatte Todesangst, dachte, die erschießen uns."

Das Militärobergericht in Berlin verurteilte Horst Garau unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Dezember 1986 in Berlin wegen Spionage für die BRD zu lebenslänglicher Haft. Gerlinde Garau erhielt in einem getrennten Verfahren dreieinhalb Jahre. Da war Horst Garau 47 Jahre alt, ein gesunder und gut aussehender Mann.

Gerlinde Garau kam nach vier Monaten frei - weil sie selbst nach den strengen DDR-Maßstäben aus gesundheitlichen Gründen haftunfähig war. Ihr Mann aber landete im berühmt-berüchtigten Trakt II der Sonderhaftanstalt Bautzen.

So bestrafte Wolf Verräter. Garau wurde in eine Isolierzelle gesteckt, gequält, Tag und Nacht grellem Neonlicht ausgesetzt. 18 Monate Bautzen, 18 Monate die Hölle. Seine Frau durfte ihn nur alle zwei Monate einmal sehen. Garau magerte ab, wirkte entkräftet.
Kleinbeigeben wollte er aber nicht. Er wandte sich an den Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der schon mehrfach einen Ost-West-Agentenaustausch eingefädelt hatte, hoffte, dass ihn der Westen freikaufen würde. Doch Vogel teilte ihm im Februar 1988 mit, "dass wir zur Zeit keine positive Prognose für eine Begnadigung geben können. In der Amnestie sind eben Fälle ihrer Art ausdrücklich ausgeschlossen worden."

Seiner Frau schrieb Garau trotzdem weiter glühende Briefe. Es sind Dokumente des Widerstands. "Sei nicht traurig, bleibe zuversichtlich. Eines Tages werden wir wieder zusammen sein. Ich will durchhalten." Das sollte sein letzter Brief sein. Er trug das Datum 6. Juli 1988.

Sechs Tage später war Horst Garau tot. "Tod infolge eines Suizids durch Strangulation", hieß es in einem Abschlussbericht des Anstaltsleiters. Einen Totenschein und einen Obduktionsbericht erhielt Gerlinde Garau nicht. Das machte die Witwe misstrauisch. Deshalb bestand sie darauf, den Leichnam ihres Mannes, der in der Gerichtsmedizin in Dresden lag, zu sehen.

"Am Hals keine Würgemale"

"Sein Körper war mit einem weißen Laken bedeckt. Ich zog es zur Seite, gegen den Widerstand der Stasi-Aufpasser", erzählte Gerlinde Garau Reportern. "Am Hals waren keine Würgemale, also konnte er sich nicht erhängt haben. Aber seine rechte Gesichtshälfte war blutig unterlaufen. Und hinter dem Ohr war eine frische Narbe, zehn Zentimeter lang."

Ein Mithäftling, Jürgen Rybicki, der nach eigenen Angaben den Toten in seiner Zelle gefunden hatte, schilderte, dass Garaus Arme und Hände "voller angetrocknetem Blut" waren. "Tod durch Erhängen - eine Lüge", sagte er. Der ehemalige Aufseher Christian Jahn, der in der Haftanstalt Bautzen II Dienst getan hatte, erläuterte 1993 in einer Boulevardzeitung: "An Selbstmord glaube ich nicht. Garau hat sich mit der Stasi angelegt. Der hat doch zu viel geplappert - das kann Konsequenzen haben." Und auch Bodo Strehlow, selbst Häftling in Bautzen und erst kurz vor Weihnachten 1989 als einer der letzten politischen Gefangenen entlassen, hielt es durchaus für möglich, dass Garau von der Stasi ermordet worden ist.

Und die deutschen Behörden? Im Mai 1990 wandte sich Gerlinde Garau an die Zentrale Erfassungsstelle für DDR-Behörden in Salzgitter, berichtete über die Merkwürdigkeiten, die sich um den Tod ihres Mannes ranken. Die Justiz nahm sich zunächst einmal Klaus Kuron vor. Nach einer langen Hauptverhandlung ist er 1992 in Düsseldorf zu zwölf Jahren Haft und dem Verfall seines Verräterlohnes verurteilt worden. Sechs Jahre saß Kuron ab, wurde auf Bewährung entlassen, lebt heute von Sozialhilfe. "Er ist nach wie vor der Meinung, nichts wirklich Schlimmes getan zu haben", sagt Daniel Kosthorst, einer der Macher der Leipziger Ausstellung, der Kuron befragt hat.

Hansjoachim Tiedke lebt heute für die deutsche Justiz unerreichbar in Moskau, hat seine Memoiren geschrieben und gibt deutschen Korrespondenten ab und an ein Interview. Er hat gute Aussichten, ab 2005 seine Beamtenpension vom deutschen Steuerzahler in Moskau zu genießen. Von einem Nachrichtenmagazin 1988 mit Garaus Tod konfrontiert, räumte er seine Schuld ein. "Die will ich gar nicht ableugnen. Ich hätte allerdings niemals geglaubt, dass dieser Mann Selbstmord begehen könnte", sagte er damals. Welche Rolle dabei sein Gesinnungsgenosse Kuron gespielt habe? Dazu Tiedge: "Eine jämmerlich schäbige Rolle. Er hat ihn zuerst verraten, dann erst habe ich es getan. Frau Garau wurde nach der Wende in der Bundesrepublik ausgerechnet von Kuron betreut."

Ex-DDR-Geheimdienstchef Markus Wolf stand mehrfach vor Gericht. 1997 ist er zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung und zu 50 000 Mark Geldbuße verurteilt worden - allerdings nicht wegen Spionage, sondern wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und ähnlichen Delikten. Heute schreibt er Bücher, gastiert in Talk-Shows. Der Fall Garau ist bei Wolfs Prozess erörtert worden, war aber für die Urteilsfindung unbedeutend.

Der ehemalige Minister für Staatssicherheit Erich Mielke, letztverantwortlich für alle Stasi-Aktivitäten, ist im Mai 2000 gestorben. Wegen seiner Taten nach 1945 ist er nie vor Gericht gestellt worden, weil er als haft- und verhandlungsunfähig galt. Bis zu seinem Tod lebte er ruhig und friedlich als Rentner in Berlin.

Nach 1990 wurde nicht ermittelt

Dem Schriftsteller Rüdiger Henkel hat das Schicksal Garaus indes keine Ruhe gelassen. 1999 bat er deshalb das Landgericht Berlin, das nach der Wende für kapitale politisch motivierte Straftaten aus der DDR-Zeit zuständig war, um die Zusendung einer Begründung für die Einstellung der Ermittlungen. Als Antwort erhielt er die Mitteilung, "dass hier keine einschlägigen Vorgänge archiviert sind." Garau sei von einem Militärobergericht verurteilt worden. Daraus ergibt sich, dass die damaligen zivilen Strafverfolgungsbehörden in Berlin (Ost) . . . "nicht mit dem Fall befasst waren. Die Register und Akten der Militärjustiz der DDR befinden sich im Bundesarchiv-Militärarchiv . . ."

Im Klartext heiße das doch, schlussfolgerte Henkel, dass nach der Wende im Todesfall Garau überhaupt nicht mehr ermittelt worden ist. Dabei könne es sich doch um Mord handeln und dieses Delikt verjähre nicht.

Die Witwe ist nach wie vor überzeugt, "dass das Mord war", wie sie dem Leipziger Ausstellungsmacher Daniel Kosthorst vor Kurzem erneut erklärt hat. Damalige Lausitzer Weggefährten tun sich bei der Bewertung des Schicksals des ehemaligen Calauer Kreisschulrats indes schwer. "Einen Märtyrer", bringt einer die Meinung vieler auf den Punkt, "kann man aus ihm nicht machen. Ich weiß zwar nicht, was während seiner Inhaftierung passiert ist, aber bis dahin hat er es verstanden, sich selbst ins rechte Licht zu setzen."